#45 Pasta Arrabiata

Lieber Horst,

Als Kellner muss man wohl so einiges abkönnen, solche lustigen Kunden wie Deinen Onkel gibt es ja überall. Meist dicht gefolgt von denen, die darauf bestehen, sehr wortreich und umständlich in der jeweiligen Landessprache des Restaurants zu bestellen. Da helfen der Bedienung nur heiteres Nicken und ein stabiles Lächeln. Zumal die Araber, zum Beispiel, die die Pizzeria bei uns um die Ecke betreiben, ja selber gar kein Italienisch können. Ich liebe es sehr, wie sie trotzdem konsequent Prego sagen, mit so einer Prise Neukölln, zu Stammkunden auch gerne mal Prego, Bruder.

Hach ja.
Mit Freunden treffen, im Getümmel sitzen, plauschen, ein Glas Wein trinken und die Welt begucken – das wird wohl noch ein Weilchen dauern, bis das wieder geht. 
Ersatzweise machen wir im Freundeskreis jetzt manchmal Zoom-Konferenzen. Wir besprechen vorher, was wir trinken, dann wird angestoßen und geplaudert. Ich bin noch etwas unsicher, wie ich das auf Dauer finde, es ist sowas zwischen tröstlich und traurig.  

Ohrwurm des Tages? Jetzt dachtest Du bestimmt, Azzurro – aber nein. Eigentlich wäre ja heute Tanz in den Mai angesagt, ich singe deshalb schon den ganzen Tag Dancing with myself vor mich hin. Das kriegst Du jetzt bestimmt auch nicht mehr aus dem Kopf. Prego.
Jedenfalls habe ich soeben die Einladung eines Freundes erhalten: Zum Dis-Tanz. Online. Ich bin sehr gespannt, Bericht folgt.

Apropos, wie siehst Du denn dem 1. Mai entgegen? Die Polizei hat erklärt, dass die Hygieneschutzbestimmungen diesmal im Vordergrund stehen sollen. Ich kann mir das noch nicht so richtig vorstellen. Vor meinem inneren Auge sehe ich verstörte Demonstranten Steine desinfizieren.  Aber im Ernst, nie war das Vermummen so uncool wie in diesem Jahr, oder?

Leider habe ich das Gefühl, dass insgesamt eine gewisse Gereiztheit über der Stadt liegt.  Sagen wir so – vorhin im Park gab es einen Moment, da war ich mir nicht sicher, ob die Leute die Enten wirklich füttern. Oder die Enten mit Brot bewerfen. 

So, jetzt schnappe ich mir mal meine Mund-Nasen-Maske vom Schlüsselbrett und sehe nach, wie die Stimmung im Supermarkt heute ist. Ich drücke mich schon die ganze Zeit. Nicht wegen der Gereiztheit, vielmehr wegen meiner beachtlichen Knoblauchfahne. 
Tja, so sind wir dieser Tage wohl alle auf die eine oder andere Art auf uns zurückgeworfen.

Aus sicherer Entfernung grüßt Dich

Susanne

PS: Neulich gab es Küchenrolle im Retrodesign. Bei dem Slogan Dick& Durstig fühlte ich mich spontan sehr angesprochen. Deshalb hab ich es auch nicht gekauft.

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