#44 Wer ist schuld?

Liebe Susanne,

bei der Geschichte mit der Pistazien-Mortadella musste ich nun wieder gleich an meinen Onkel Herbert denken, der es liebte im Lokal folgende Bestellung aufzugeben:

„Ich hätte gerne einmal die Spaghetti Napoli. Aber mit Fleisch statt Nudeln und lassen Sie die Sauce weg.“

Bist zum Schluss hat er nicht bemerkt, daß es nie ein Kellner lustig fand. Auch sonst keine Person am Tisch. Nur er hat sich jedesmal ausgeschüttet vor Lachen. Solange, bis sich doch irgendwann alle mit ihm gefreut haben. Das war schon irgendwie auch toll. Er konnte wirklich einfach solange lachen, bis alle mitgelacht haben. Schade nur, daß er darauf bestanden hat, vorher auch noch einen Witz zu machen. Ohne seine Witze wäre mir das Lachen leichter gefallen.

Ein beliebtes Opfer seiner Witze waren, neben unbeteiligten Passanten, auch immer die Herren Professoren. Er kannte stets einen Herrn Professor Richtigschlau, der dann beispielsweise zu einer hundert Kilometer entfernten Tankstelle gefahren ist, weil dort das Benzin 2 Pfennig billiger war.

Dies wiederum fällt mir nun ein, da wir schon vor vier Wochen in der Familie diskutiert hatten, wem man wohl diesmal am Ende die Schuld für diese Krise geben würde. 

Ausländer, Asylanten oder Flüchtlinge wären ja wohl als Coronasündenböcke nur sehr schwer zu begründen. Selbst Juden oder Moslems kann man nicht richtig dafür verantwortlich machen. Und auch die Drogenmafia oder die Klimalobby bieten sich nicht wirklich an. 

Wir hatten deshalb schließlich im Scherz spekuliert, daß es nun womöglich die Wissenschaftler erwischen könnte. Was damals noch ein albernes Geplänkel war, scheint jedoch langsam gar nicht mehr so abwegig. Ich finde das beunruhigend. 

Natürlich könnte ich sagen: „Da sind sie auch selber schuld. Sie hätten ja auch so wie ich damals ihr Studium abbrechen können. Hat sie ja keiner gezwungen, einen Abschluss und Karriere zu machen.“ Doch ich bin nicht sicher, ob die, die es angeht, die Ironie verstehen.

Mein alter Linguistik-Professor hat mal gesagt: „An der Qualität ihrer Ironie, erkennt man die Idioten.“ Eine These, die durch die heutigen Scherze der AfDler häufig bestätigt wird.

Mein Onkel war übrigens im Grunde herzensgut. Nur ein bisschen Rassist und außerdem einigermaßen Akademiker- und Frauenfeindlich. Aber sonst ganz gewiss kein schlechter Mensch. Und er hatte Humor. Aber nicht zu knapp!

Außer, wenn er Witze erzählte. Aber irgendeine Schwäche hat ja jeder.

Wer kennt das nicht.

Bis morgen 

Horst

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