#25 Shutdown Blues

Lieber Horst,

Hörst Du diese klagende Melodie in der Ferne? 
Ich stehe in Küche und putze Gemüse, aber meine innere Drama-Queen steht gerade mit Smokey Eyes und Paillettenkleid auf dem Balkon und schluchzt den Shutdown Blues ins Saxophon…
Mann, wie ich das normale Leben vermisse. Jetzt sind wir durchs Adaptieren durch, jetzt kommt das Aushalten. 

Manchmal sind es ja ganz einfache Dinge, die mir fehlen. 

Mein Optiker zum Beispiel hat zu. Da gehe ich sonst regelmäßig hin, um die Schrauben an den Bügeln meiner Brille festziehen zu lassen. Jetzt ist meine Brille so locker, dass sie mir eben beim Runtergucken einfach aus dem Gesicht gefallen ist, fast direkt in die in die Möhren-Kurkuma-Suppe. Gott sei Dank ist auf meine Reflexe Verlass. Blitzschnell habe ich sie aufgefangen. Leider hatte ich dabei noch den Kochlöffel in der Hand. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der besagten Suppe findet sich deshalb inzwischen auf den Wänden, den Fliesen, der Obstschale und meinem Gesicht wieder. 
Andere Leute bemalen Ostereier. 

Es geht schon den ganzen Tag so, es scheint so eine Art persönlicher Black Friday zu sein. Vorhin hatte sich eine Biene in die Küche verirrt. Als ich das Fenster öffnete, blies ein Luftzug mit bemerkenswerter Präzision die Zwiebelschalen in den Toaster. Die Biene fand den Weg nach draußen trotzdem nicht, dafür kam nach einer Weile eine zweite von draußen hereingeflogen, jetzt hängen sie zu zweit an der Scheibe ab.
Beim Versuch, ihnen mit einer Postkarte den Weg zu wedeln, ist mir die Zuckerdose umgefallen. Und beim Staubsaugen – ich machte gleich im Bad weiter, wo ich schon mal dabei war – geriet mir das lose Ende der Klopapierrolle in das Staubsaugerrohr, was in der einen Sekunde, die ich brauchte, um den Aus-Schalter zu drücken, ein erstaunliches Ausmaß an Chaos verursachte…

Ausgedacht? Nix davon. Alles so passiert. Und es ist noch nicht mal Mittag…

Ich glaube, ich werde versuchen, heute einfach nichts mehr anzufassen. Zumindest nichts Wichtiges. Ich setze mich einfach ein bißchen auf den Balkon und schaue meiner Clematis beim Wachsen zu. Auch eine Drama-Queen, übrigens. Ich hänge Dir mal ein Foto an.

Hab ein schönes Osterwochenende, lieber Horst,
Always look on the bright side of life! (Füdüt-füdüdüdüdüdüt)

Susanne

Eine Antwort auf „#25 Shutdown Blues“

  1. Liebe Susanne, lieber Horst,

    schöne Grüße sende ich euch aus Stockholm. Hier wird die soziale Distanz ja immer noch ziemlich großzügig gehandhabt, auch wenn der Ton des Ministerpräsidenten zuletzt etwas eindringlicher wurde.
    Die meisten Schweden sind stolz auf ihre Gratwanderung zwischen einfach weitermachen und Klopapier horten. (Der absolute Loser bei den Konserven ist hier übrigens Tomatensuppe.) Für diese Mischung aus nicht zu viel und nicht zu wenig gibt’s hier sogar ein eigenes Adjektiv: lagom. Zur Unterstützung des schwedischen Staatsepidemologen Anders Tegnell, der hier gerade ganz lagom quasi das Land regiert, existieren sogar zwei Facebook-Seiten. Insgesamt über 80000 Follower.
    Lothar Wieler scheint hingegen gar nicht bei Facebook zu sein. Für Schweden undenkbar.
    Bei Wikipedia lese ich übrigens gerade, dass er Tierarzt ist. Das beunruhigt mich irgendwie.

    Ich wünsche euch Zehntausende Follower,
    Oliver

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