#79 Auf uns…

Lieber Horst,

Gestern hatte ich einen Termin in Frohnau und bin nach sehr langer Zeit mal wieder so richtig ausgiebig S-Bahn gefahren.  Ich hatte mich wirklich ein bißchen darauf gefreut, einen weiteren kleinen Schritt zurück in die Normalität zu wagen – doch das erhebende Gefühl wollte sich nicht so recht einstellen.

Ich finde, an jeder vermeintlichen Normalität kleben momentan noch so kleine doofe Etiketten. Falsch steht darauf oder Achtung oder einfach nur Corona – weißt Du, was ich meine?
Es ist diese Art von Etiketten, die man selbst nach langem Einweichen und viel Schrubben nur schwer abkriegt und die noch ewig nerven und kleben, auch wenn man die Schrift längst nicht mehr erkennen kann.
So wird es wohl noch eine Weile sein.

Apropos, in der S Bahn sind jetzt überall so große rote Aufkleber, auf denen steht „Abstand halten, Mund und Nase bedecken“.
Nach längerem Beobachten würde ich sagen, dass viele eher den Abstand bedecken und den Mund nicht halten, aber was will man machen. Besonders krass war es auf dem Rückweg, im Schienenersatzverkehr.  Also versteh mich nicht falsch, ich will jetzt gar nicht meckern, Horst, ich habe mich in den letzten Monaten der Isolation wirklich sehr nach der Nähe anderer Menschen gesehnt, hatte dabei aber irgendwie mehr an welche gedacht, die ich kenne. Und mag. Und die kein Bier auf meine Schuhe gießen. Möglicherweise bin ich da  etwas kleinlich.

Ansonsten kann ich vermelden, dass ich heute früh schon beim Sport war. Kieser Training hatte geschrieben, dass sie wieder öffnen, sie werben jetzt mit dem Slogan Bei uns trainieren sie mit Abstand am besten. (Tätää.)
Ich war wirklich hochmotiviert, zumal, wie ich feststellen musste, der Anblick, den ich nach den bewegungsarmen Monaten in meiner pinkfarbenen Jogginghose biete, vage an einen Blueberry-Cheesecake-Muffin erinnert. Ja, ein Bild, das auch bei näherer Betrachtung in sich sehr stimmig ist.

Wenn ich wieder mal Gefahr laufe, mich in die ewige Schmach meiner Unsportlichkeit reinzusteigern, rufe ich mir ja immer gerne die Worte von Heinzi, dem Kneipenwirt meines Herzens, in Erinnerung:
„Fragt mich jestern so ne Pfeife, ob ick ooch ne Sportapp habe, so mit Schrittzähler und so. Hab ick jesacht, wie et is: Ey, wenn de bei mir da watt messen willst, reicht eigentlich n Bewegungsmelder.“

Und dann weiß ich wieder: Alles ist relativ.

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Lieber Horst,

nun gehen wir tatsächlich auf die Achtzig zu.
Als wir anfingen, uns zu schreiben, hatten wir das alles noch für eine kurze Zwischenphase gehalten. Damals, weißt Du noch, als der Flieder noch jung und die Witze über Klopapier noch komisch waren.

Die Krise ist noch lange nicht vorbei.
Aber man sagt ja, neue Wege entstehen beim Gehen, und insofern ist es wohl auch für uns an der Zeit, wieder ein bißchen loszulaufen.

Bevor wir diesen Krisenkalender in den Ruhestand versetzen, möchte mich bei all den treuen Mitlesenden bedanken, die uns in diesen seltsamen Tagen begleitet haben. Manchmal fühlte es sich an wie eine Gemeinschaft – Ihr wart unsere Verbündeten zwischen den Zeilen.

Vor allem aber will ich Dir Danke sagen, Horst. Und das von ganzem Herzen!

Für Dein Erzählen und Zuhören.
Für das tägliche Lächeln und das ehrliche Seufzen.
Für den gemeinsamen Blick auf das Schöne und Leichte inmitten des Schweren.

Wir sehen uns auf der einen oder anderen Seite. Ich freue mich darauf.

Sei umarmt und gegrüßt
von Deiner Krisenkollegin

Susanne

 

PS: Auf uns!

#77 An der Zeit

Lieber Horst,

Das klingt für Dich jetzt vielleicht etwas unwahrscheinlich – aber möglicherweise ist da unser Hauswart mit Dir im Zug gefahren.
Ich hoffe, er ist nicht so lange weg, denn ohne ihn weiß hier niemand in der Straße, wie man es richtig macht. Also, egal was. Wie man eine Maske trägt, wie man sich vor der Apotheke richtig anstellt (gerade), wie man ein Fahrrad anschließt (gar nicht). Auch wenn Du nicht weißt, wie Du einen Eierkarton ordnungsgemäß entsorgst (in maximal briefmarkengroßen Stückchen nämlich) – das macht nichts, er trägt ihn direkt aus dem Müll zur Dir zurück in den 4. Stock. Und erklärt es Dir.

Um genau zu sein, ist er gar nicht unser Hauswart. Er wohnt nur im Haus schräg gegenüber, er ist der selbsternannte Hüter der Ordnung der Straße. Wir hatten mal kurz überlegt, ihm eine Schiebermütze mit der Aufschrift Blockwart zu schenken, haben es dann aber doch gelassen, weil zu befürchten steht, dass er sich freuen würde.

Morgen werde ich persönlich auch einen Beitrag leisten, dass es in unserer Straße wieder ordentlicher aussieht. Ja, Horst, ich kann die Gerüchte bestätigen, es ist so weit:
Ich habe einen Friseurtermin.

Ich war so lange nicht beim Friseur, ich weiß gar nicht mehr wie das geht. Ich hoffe, meinem Friseur geht es da anders.

Ich freue mich auf Günther, wir haben uns immer viel zu erzählen.
Früher war ich ja eine Zeitlang immer bei einem Friseursalon in der Fidicinstraße, sehr hip. So hip, Du hättest nach einem doppelt geschäumten laktosefreien Bio-Milchmalzkaffee und einem Glas Vollmondwasser fragen können, sie hätten nicht mal mit der Wimper gezuckt.

Als mir das irgendwann zu teuer wurde und ich auf Empfehlung einer Freundin bei Günther an der Kaisereiche anlandete, führte dieser mich auch gleich an seine Auffassung vom Servicegedanken heran: „Kaffe kannze nebenan trinken, hier is Haare schneiden“.
Ich hatte ihn von Stund an ins Herz geschlossen.

Ich bin gespannt, was er zu erzählen hat in diesen, naja, haarigen Zeiten halt.

Sicher war er wieder auf Tour, Günther ist nämlich begeisterter Motorradfahrer.
In Erinnerung an seine erste Maschine enthält seine private E-Mail-Adresse das Wort „Triumph“, weshalb er sehr viel unerwünschte Werbung für Unterwäsche bekommt.

Gibt es eigentlich schon Neues aus der Kategorie bekloppte Friseurnamen? Was kann nach Hair Cooles und Fön-X noch kommen? Vielleicht Locke down?
Bericht folgt…

Lili sagt übrigens, es ist an der Zeit, dass alle wieder normal arbeiten gehen, der Hund kann nicht mehr.
Das lasse ich jetzt mal so stehen.

Fröhlich zerzaust grüßt Dich

Susanne

PS: Nachtrag – gestern hat eine Möwe auf unsern Balkon geschissen, das war fast ein bißchen wie Ostseeurlaub. Siehst Du, Optimismus kann man trainieren wie einen Muskel (*hysterisches Kichern*)

#75 Und, hat’s mir geschadet?

Lieber Horst,

„Guck mal, ein Flugzeug!“ hörte ich mich gestern allen Ernstes sagen, als sich ein dicker Kondensstreifen über den strahlend blauen Berliner Himmel hermachte. Ich glaube, diesen Satz habe ich das letzte Mal gesagt, als Karl-Heinz Rummenigge noch aktiv Fußball spielte und meine Lieblingsblumen Prilblümchen waren. Da waren Kondensstreifen am Himmel noch was Besonderes.
Dass sie das im Jahre 2020 nochmal sein würden, hätten wir vor wenigen Monaten auch nicht gedacht.

Aber nun, es gibt keinen Zweifel – vieles deutet darauf hin, dass das Leben da draußen wieder Fahrt aufnimmt. Bei Dir auch, Horst?
Bei mir plätschern tatsächlich gerade die ersten zarten Anfragen herein, für eine Open Air Lesung zum Beispiel. Kleine feine Rinnsale von Normalität in der ausgetrockneten Kulturlandschaft. Endlich!
Nun bleibt zu hoffen, dass die Infektionszahlen im Rahmen bleiben. Denn nicht nur am Himmel ist ja wieder mehr los, auch in den Straßen: ganz schön viele Leute ganz schön dichte beieinander.
Ich dachte, die sind gerade alle an der Ostsee?!

Ich gestehe, auch ich wäre gerne dort, da liege ich ausnahmsweise mal voll im Trend. Nur zwei Tage, irgendwo, Hauptsache Meer… Aber rund um Pfingsten war da einfach nichts zu machen. Und ich habe wirklich so einiges in Betracht gezogen. Auch habe ich mich bei einer weiteren Plattform für Ferienwohnungen und Zimmer registriert, die mir nach meiner Buchungsanfrage eine fröhliche Mail schickte mit dem Wortlaut „Vor Abschluss einer Buchung müssen wir sichergehen, dass Du wirklich Du bist!“  Den Satz habe ich ein paar Mal gelesen. Und ich muss sagen, ich finde diese Frage total berechtigt, ich frage mich das selber sehr oft.

Die Beschreibungen der Unterkünfte aufmerksam zu studieren, lohnt sich in jedem Fall. Manche Vermieter listen da ja seitenweise werbewirksame Details auf, vom Whirlpool bis zur Fußbodenheizung. Besonders schön fand ich deshalb folgende Beschreibung einer Ferienwohnung in Wismar,
„Highlights der Unterkunft: Parkplatz.“
Fertig.
Bei einer anderen stand ungelogen
„Unterhaltung: Cassettenrekorder“ und
„Naturattraktionen: Herbstlaub“.

Sogar die haben dann aber abgesagt, weil sie bei dem derzeitigen Touristenansturm gar nicht hinterherkämen. Sei es drum.
Dabei wäre ich da aus reiner Neugier schon gerne hingefahren. Und aus purer Freude an der Nostalgie. Sicher hätte ich dort irgendwo ein altes Hanutasammelbildchen am Eichenfurnier gefunden, Auf der Fensterbank einen Ascher, im Küchenschrank einen Eierpieker aus Plastik und im Badezimmer Haken mit der Aufschrift Er, Sie und Gäste.
Es hätte mich an die Zeiten erinnert, als die Tanten und Großmütter sich auf dem Sofa im elterlichen Wohnzimmer einen Eierlikör genehmigten, während die Herren den Himbeergeist aus dem Schrank holten und wir Kinder unter dem Tisch saßen und die Weinbrandbohnen aufaßen…
„Und, hat´s mir geschadet?“ würde Cousin Rainer an dieser Stelle poltern. Und dann würde man ihn vielleicht ansehen und denken „Äh, naja…“ – und deshalb lieber gar nichts sagen.

Apropos.
Wußtest Du, dass ich beim Thema Pfingsten lange Zeit immer genau diese Wohnzimmer-Szenerie, insbesondere meine Onkel und den besagten Himbeergeist vor Augen hatte? Im Religionsunterricht hatte Fräulein Otterstedt das zwar alles genau erklärt.
Aber dass es sich bei der Ausgießung des Heiligen Geistes um eine Metapher handelt, habe ich trotzdem erst sehr, sehr viel später verstanden…

Frohe Pfingsten!

Susanne

#73 Die Kleider waren sehr schön

Lieber Horst,

Ja, es gibt wirklich Komplimente, über die man einen Moment nachdenken kann. Du hast ein Maskengesicht liegt da, finde ich, ganz weit vorn, das kommt noch vor Burkafigur.

Wenn ich es recht überlege, habe ich schon öfter in meinem Leben Komplimente bekommen, die auf die eine oder andere Art nachgeklungen haben. Manchmal werden Botschaften ja ein wenig verklausuliert zum Ausdruck gebracht, dann braucht es schon mal einen Moment.

Ich habe in jungen Jahren mal in einem sehr ambitionierten Jazz-Vokal-Chor mitgesungen. Das waren großartige Zeiten.
Wir sind sogar mal als Berliner Meister zum bundesdeutschen Chorwettbewerb nach Fulda gefahren, ´94 war das. Alle waren sehr aufgeregt. Wir probten wie verrückt, perfektionierten unser Bühnenoutfit, ich trug das erste und einzige maßgeschneiderte Kleid meines Lebens. Der Wettbewerbstitel, den es einzustudieren galt, war Africa von Toto. Alles a capella, versteht sich, noch heute könntest Du mich jederzeit aus dem Tiefschlaf reißen – wenn Du babopbopbadopbopbah sagst, würde ich sofort mit didididididididididididididididi antworten. Ich weiß, dass es den anderen auch so geht. Wenn wir irgendwann dement im Altersheim sitzen, macht Africa an, Africa wird noch da sein, wenn alles andere unseren Geist verlassen hat, as sure as Kilimanjaro rises like Olympus above the Serengeti.
Jedenfalls gab es in Fulda auch diesen Moment.
Als wir nach unserem Auftritt erwartungsvoll vor die Jury traten, um unsere Beurteilung entgegenzunehmen. Ich erinnere mich an das bedrückende Schweigen der Juroren. Dann sagte einer:
„Die Kleider waren sehr schön!“
Mehr sagte er nicht.

Das sitzt bis heute tief. Ich glaube, wir haben dann am Ende Platz 11 belegt. Von 12. Wobei die auf Nr. 12 wegen formaler Fehler ausgeschieden waren. 

Dieser Satz jedenfalls ist, finde ich, ein gutes Beispiel für Sätze, die eigentlich das Zeug zum schönen Kompliment haben, wenn nur der elende Kontext nicht wäre.

In der Bergmannstraße, es ist noch nicht so lange her,  blieb mal eine etwas verhuschte Frau vor mir stehen, strahlte mich an und sagte begeistert: „Sie haben ja ein unglaublich ausdrucksstarkes Gesicht!“ Das hört man ja auch nicht alle Tage, und ich hätte mich auch richtig gefreut, wäre der Satz nicht weitergegangen mit  „Möchten Sie eine Auralesung für 25 €?“

Nach dem Frühschoppen fuhr ich mal mit dem Bus nach Hause, hatte mir für die Bühne die Fingernägel recht abenteuerlich lackiert.
Ein eher schüchtern wirkender Mann, der neben mir saß, sprach mich darauf an: „Entschuldigung, das muss ich ihnen jetzt einfach sagen. So viel Farbe an einem so trüben Tag, das macht richtig gute Laune.“ Das fand ich schön. Ich mag es, Menschen zum Lächeln zu bringen. Leider nahm er dann den Bogen von den Farben zum Licht, zum ewigen, wenn auch ich Licht und Klarheit suche…usw.
Ich solle im Internet unter jw-org nachschauen, rief er mir noch nach als ich ausstieg, dort fände ich die Lösung für alles.
Die Lösung für alles. Das ließ mir keine Ruhe. Zu Hause rief ich die Seite auf und natürlich – da war meine Leitung sehr lang gewesen – war es die Seite der Zeugen Jehovas. Die ich sehr schnell wieder wegklickte. Denn was ich in den Gesichtern der Menschen erkenne, die den Wachturm an der Straßenecke verteilen, ist sehr vieles, aber Licht ist es selten.
Ziemlich lustig finde ich offen gestanden, dass es keine Seite gibt die jw-de heißt. Also jwd, verstehste, Hotte, Berliner Sprech für: janz weit draußen. Das würde mir in dem Kontext schon gefallen.

Verflixt, jetzt habe ich mich wieder verplaudert.
Eigentlich wollte ich noch auf die Superkräfte zurückkommen.  

Für heute vielleicht so viel: Ich bin urlaubsreif.
Insofern wäre mir die Superkraft, zu verschwinden, momentan die allerliebste.

Tief im Innern janz weit draußen
grüßt Dich

Susanne

#71 Gedanken beim Spargelschälen

Lieber Horst,

Auch ich bin mir relativ sicher, dass ich keine unehelichen Kinder habe, von denen ich nichts weiß. Ich glaube, das hätte ich mitbekommen.

Mir taten ja die Frauen so leid, die in der ersten Phase der Corona-Krise ganz ohne Beistand entbinden mussten. Auch die Männer taten mir leid, die sich all die Monate vorbereitet hatten und dann nicht mal als Begleitperson mit in den Kreißsaal durften. Das ist schon bitter.
„Grausam“, befand auch ein Freund von mir, der als Gynäkologe im Krankenhaus arbeitet.  „Ehrlich gesagt…“, hatte er etwas nachdenklich hinzugefügt, „war das aber auch ein sehr entspanntes Arbeiten, weil sich nicht ständig jemand um all die präkollaptischen Männer kümmern musste.“
Über den Klinikalltag in der Geburtshilfe könnte man vermutlich auch mal ein Buch schreiben. Ich weiß noch, dass die Frau vor mir zu Marschmusik entbunden hat.
Egal.

Beim Thema „uneheliches Kind“ fiel mir ein kleines Gespräch wieder ein, das sich zur Kinderladenzeit meines Sohnes zugetragen hat.  Er hatte damals im Sandkasten einem anderen Kind sehr stolz erklärt, er sei „ein Kind der Liebe“. Diesen doch recht antiquierten Ausdruck hatte er irgendwo aufgeschnappt und prompt behalten, vermutlich war wieder eine meiner unzähligen Tanten zu Besuch gewesen.

Das andere Kind ging daraufhin zu seinem Papa, der in seine Zeitung vertieft auf einer Bank saß, und fragte ihn „Papa, bin ich auch ein Kind der Liebe?“. „Nein!“ sagte der, „Quatsch!“
Dann las er weiter. Bis heute bin ich nicht sicher, wie er die Frage interpretiert hat. Aber dem Tonfall nach hatte er, fürchte ich, in jeder Hinsicht recht…

Ach ja, Planet Kinderladen.
„Mama, Dominique kriegt immer was anderes zu essen.“
„Ist Dominique vielleicht Vegetarier?“
„Nein, er spricht deutsch.“

Als das erste Mal Spargel auf seinem Teller lag, fragte er mit angstgeweiteten Augen „Hat… das … Gräten?“

Das fällt mir gerade ein, denn heute gibt es bei uns Spargel zum Abendessen, den gehe ich jetzt mal schälen. Dabei denke ich ja immer ein bißchen an Weihnachten. Und ich schätze, es gibt nicht viele Menschen, die beim Spargelschälen an Weihnachten denken. Immer, wenn ich früher zur Weihnachtszeit gestresst und hektisch von all den Vorbereitungen durchs Büro lief und rief „O Gott, in einer Woche ist schon Heiligabend!“, sagte meine Kollegin Pia nur gelassen „Und in fünf Monaten gibt´s wieder Spargel.“
Das hat mich immer unheimlich beruhigt.

Mit warmem Herzen und kühlem Riesling grüßt Dich

Susanne

#69 Na, was machst du gerade?

Lieber Horst,

Ach ja, der Sickereffekt.
„Es darf kein Freibier für alle geben“ ist ja mein persönlicher Satz des Tages, das hat der Chef der Wirtschaftsweisen vorhin gesagt. Das „Freibier“ – in dem Fall Familienboni und Konsumgutscheine für die breite Bevölkerung – würde vermutlich auch nicht von unten nach oben sickern.
Ich verstehe seinen Punkt  und meine Bereitschaft, auf das Freibier zu verzichten, ist durchaus gegeben – wenn wir im Gegenzug denn bitte auch den Champagnerfluss am anderen Ende der finanzwirtschaftlichen Nahrungskette ein wenig drosseln könnten, bitte. Aber dann würden die Wirtschaftsweisen am Ende womöglich zu Wirtschaftswaisen? Wer weiß.
Und bevor ich mich da jetzt reinsteigere, nutze ich die Gelegenheit doch lieber anderweitig.
Achtung, es folgt eine virtuelle Umarmung.

Ich will an dieser Stelle nämlich einfach mal Danke sagen.
Uns erreichen in all diesem Krisenfrust immer wieder so freundliche, aufmunternde Worte und auch in unserem Spendenhut hat sich inzwischen mancher Taler angefunden.
Beides ist großartig.
Ihr seid großartig!

So, das musste mal gesagt werden…

Dass Du beim Surfen im Netz bei tagespolitischen Debatten landest, Horst, finde ich beachtlich. Bei mir endet sowas meistens im völlig sinnfreien Raum.
Seit es das Internet gibt, ist Prokrastinieren ja so viel leichter geworden. Und wenn ich was kann, dann ist es prokrastinieren. Wenn ich im nächsten Bewerbungsgespräch gefragt werde: „Frau Riedel, wo sehen sie denn ihre persönlichen Stärken?“ kann ich mit großer Überzeugung sagen: Im Prokrastinieren macht mir keiner was vor.

Wenn man jemanden anruft, ist „Na? Was machst Du gerade?“ sicher eine der gängigsten Einstiegsfragen. Nicht besonders originell, aber nun, auch ich stelle sie häufig. Die schönsten Antworten, die ich darauf in letzter Zeit bekommen habe, waren
„Ich lerne Georgisch“
„Ich nähe den Insektenschutz meines Fahrradhelms“
„Ich baue ein Hochbeet“ und, mein Favorit:
„Ich sauge den Keller“.

Merkst Du was? Die Leute tun alle so sinnvolle Dinge, Horst.
Und es macht mir ein bißchen Angst, dass andere Leute offenbar Keller haben, die man saugen kann. Bei uns ginge das gar nicht. Den Boden unseres Kellers habe ich das letzte mal bei unserm Einzug gesehen, vor etwa 18 Jahren. Und auch da nur ganz kurz.

Jedenfalls bin ich sehr froh, dass gestern niemand angerufen und gefragt hat: Was machst Du gerade.
Die Antwort hätte nämlich  gelautet: Ich sitze seit Stunden am Computer und denke mir unsinnige Bandnamen aus.
Kollege Jakob hatte nämlich auf Facebook dazu aufgerufen, Bandnamen zu ruinieren, indem man nur einen einzigen Buchstaben austauscht. Also Rolling Scones zum Beispiel.

Was ich immerhin beisteuern konnte waren (Trommelwirbel):

  • die Pot Shop Boys
  • Afrosmith und
  • Rasenstolz.

    Womit wir ja fast schon wieder beim Fußball wären.

    Mit dieser Steilvorlage lasse ich Dich jetzt mal alleine und sende Dir viele helle Grüße in den verhangenen Tag,

Susanne

#67 Von Einhörnern und Amseln

Lieber Horst,

Was den guten Willen und die linken Hände beim Werken angeht – da haben wir was gemeinsam.
Als ich das letzte Mal ein Ikea-Schrankteil zusammengebaut habe…
Ich sag mal so, es kam aus der Serie Lekman, und das Wort hab ich beim Aufbauen dann auch immer mal wieder laut gerufen.

Ach ja, und noch etwas fiel mir wieder ein.
Ein kurzer Dialog, der auf meiner letzten Dienstreise stattfand. In einer kleinen Pension im niedersächsischen Nirgendwo, die damit wirbt, dass sie „Monteurzimmer / Frühstück ab 6 Uhr“ anbietet,  kam ich mit einem Vertreter am Nebentisch ins Gespräch, der sich mir mit den grandiosen Worten vorstellte: „Ich mache in Sanitäranlagen!“
Ich fragte mich sofort: Tun wir das nicht alle?, sagte es dann aber doch nicht laut.

Vom Vatertag habe ich in diesem Jahr gar nichts mitbekommen, hier war es total still in den Straßen, kein bierseliger Bollerwagen weit und breit. Ob es am Aufruf der Berliner Polizei lag? Die hatte morgens auf Twitter zur Einhaltung der Anstandsregeln gemahnt:
„Liebe Herren, bitte seien Sie bei Ihren Ausflügen wie das Einhorn – freundlich und flauschig. Man sieht Einhörner selten, sie treten wohl nicht in größeren Gruppen auf.“
Deeskalation zum Liebhaben. So hab ich´s gern.

Ansonsten bin ich heute ein wenig neben der Spur, ich habe einfach viel zu wenig geschlafen.
Eine Freundin hatte neulich erzählt, sie habe gehört, dass die Vögel in der Stadt derzeit viel leiser seien, seit sie nicht mehr gegen so viel Flug- und Straßenlärm ansingen müssen. Ich kann das nicht bestätigen. Was ich sagen kann: Morgens um vier ist bei mir die Spanne zwischen den Gedanken „Oh wie schön, da singt eine Amsel“ und „Kann man Amseln eigentlich grillen?“ sehr gering.  Gott sei Dank wurde dann um  sechs das Altglas abgeholt, das hat mich sehr wirkungsvoll von der Amsel abgelenkt.

An Tagen, die so anfangen, sollte man sich nichts Wichtiges vornehmen und ein bißchen Nachsicht mit sich selbst haben. Zwischendurch sollte man sich immer mal wieder selber in den Arm nehmen.
Meine Clematis macht das genauso, guck!

Ein bißchen verpeilt und überaus herzlich grüßt Dich

Susanne

#65 Fenster machen wir gar nicht

Lieber Horst,

Großartig! Solche kleinen Begebenheiten wie Deine gestrige Begegnung mit dem Ableser tragen mich ja immer mit einem kleinen Lächeln durch den Rest des Tages, geht es Dir auch so? Dann laufe ich manchmal durch die Straßen und denke: ach guck, die anderen Leute haben heute auch alle gute Laune, dabei liegt es wahrscheinlich nur daran, dass ich selber mit diesem Lächeln unterwegs bin. Die lächeln einfach zurück. Auch etwas, das mir fehlt, mit Mundschutz sehen die meisten eben doch latent übellaunig aus.

Stell Dir vor – vor einiger Zeit, als wir noch keine Masken trugen, bin ich auch schon mal erkannt worden! Also gewissermaßen.
An der Bushaltestelle vor dem Wilmersdorfer Krankenhaus, in dem ich damals arbeitete, kam eine mir völlig unbekannte Frau schnurstracks auf mich zu und sagte „Frau Riedel! Wie schön!“ Signiert habe ich nichts, sie bat mich dann noch, Ihr beim Entziffern des Fahrplans zu helfen, und wir plauderten ein bißchen. Sehr nett. Das war auch so ein Tag: überall aufmerksame Menschen, ein Lächeln hier, ein Plaudern da.
Erst als ich zu Hause angekommen war und am Spiegel vorbeikam, bemerkte ich, dass ich mein Namensschild noch am Revers trug. 
„Sozialdienst – Frau Riedel“. 

Wenn mich jemand fragt, ob ich in meinem Leben mal was Mutiges gemacht habe, kann ich immerhin sagen: Ich bin mit einem Schild, auf dem „Sozialdienst – Frau Riedel“ stand, in die U7 eingestiegen. Zumindest in Sozialarbeiterkreisen ernte ich dafür schon mal ein anerkennendes Raunen. 

Ich habe nach Deinem Brief gestern mal mein Gedächtnis durchforstet nach ähnlich netten Begegnungen mit Ablesern oder Handwerkern. 
Sieht man mal von den optischen Herausforderungen manches Klempnerdekolletés ab, die ich hier jetzt nicht weiter vertiefen will, waren da viele wirklich nette Momente dabei. (Wenn man über Dinge redet, die man um keinen Preis vertiefen will, ist das Klempnerdekolleté ja per se ganz weit vorn.)

Am einprägsamsten allerdings war wie leider allzu oft ein negativer Ausreißer in der Serie. Ein Fliesenleger, der mal im Auftrag des Vermieters unser Bad neu gemacht hat. Er hatte die alten Fliesen nicht abgeschlagen, sondern die neuen einfach darüber geklebt. Das sah soweit ok aus, deshalb hatte ich es auch erstmal so abgenickt, als er fertig war. 
Kurz darauf musste ich allerdings feststellen, dass man nun leider das Fenster nicht mehr aufkriegte, da die Fliesen so weit von der Wand abstanden. Ich rief sofort den Handwerker an, der sich dreist für nicht zuständig erklärte und mit dem unvergessenen Satz antwortete:
„Ich bin Fliesenleger, gute Frau. Fenster machen wir gar nicht.“

An dem Mann konnte ich in den folgenden Tagen viel ruhiges Atmen und klare Kommunikation üben, so hat doch am Ende wieder alles auch sein Positives. So konnte ich die Sache mit den Dachdeckern dann auch deutlich abkürzen, die ihre leeren Bierflaschen und Essensreste unter den Dachziegeln entsorgt hatten und als ich sie erwischte meinten, das sei alles Absicht. „Wegen der Isolierung.“ 
Zu dem Zeitpunkt hatte ich das mit der klaren Kommunikation schon so gut drauf, dass ich gar kein Wort mehr sagen musste. Gucken reichte. 

Wenn Du mal Ärger hast und jemanden brauchst, der guckt, Horst – jederzeit!

Sonnige Grüße von

Susanne

#64 Ableser und Vorleser

Liebe Susanne,

ich hatte gestern tatsächlich auch einen Termin. Sogar einen, für den ich um 6.00 Uhr aus dem Haus musste.

Was übrigens eine Art Termin ist, mit denen ich manchmal vor mir selber angebe. Da ich weiß, wie mich das beeindruckt, wenn ich mir von solchen Terminen erzähle. 

Der Ableser hatte sich angekündigt. Aber nicht für die Wohnung, sondern für den Schrebergarten, von dem ich an Ostern schon einmal erzählt habe. 

Da dieser Garten im äußeren Außenbezirk liegt, der Ableser sein Kommen jedoch in bewährter Sorglosigkeit zwischen 8.00 und 13.00 Uhr schätzte, musste ich also um sechse los. 

Nicht weil ich zwei Stunden für den Weg bräuchte, sondern weil ich, wenn ich spätestens um sieben zu gehen habe, absichtlich denke, daß ich um sechse los muss, damit ich es dann auch um sieben schaffe.

Ich war pünktlich. Der Ableser auch, was bei einer fünf-Stunden-Spanne nun aber auch nicht so die Leistung ist. Ich sag mal: So kann ich auch pünktlich sein. Vielleicht kann ich von ihm lernen.

„Ich komme dann Mittwoch zwischen 10.00 und 15.00 Uhr zum Mund öffnen vorbei. Bitten stellen Sie sicher, daß ich während dieser Zeit freien Zugang zu Ihrer Praxis habe und ein Zahnarzt zugegen ist.“

Ob ich bei meiner Zahnarztgemeinschaftspraxis auch einfach mal so einen Zettel einwerfen sollte? Oder besser noch beim Hautarzt. Da kriegt man sonst so schlecht einen Termin.

Nun fragt sich womöglich mancher, warum ich die Wasseruhr nicht einfach selber abgelesen habe. Gute Frage. Diese Wasseruhr jedoch ist in einem Gulli, am Ende eines Schachts. Der Gulli befindet sich leider im Schrebergarten der Freundin und da es in meinem Falle ja egal ist, wo ich das, was ich tagsüber zu machen habe, nicht mache, wurde ich beauftragt dem Ableser das Tor aufzusperren.

Irritierender weise kannte mich der Ableser als Vorleser.

 Er hat sich darüber total gefreut und meinte: „Lustig, da leben wir ja beide praktisch vom Ablesen.“

 Dann hat er gefragt, ob er ein Autogramm haben kann, weil ihm seine Frau das sonst nicht glaubt. Ich habe gesagt: „Klar, wenn Sie mir dafür die Wasseruhr signieren,“ was er dann auch gemacht hat.

Er fürchtete aber, daß ihm seine Frau auch das nicht glauben würde, weshalb ich ihm versprach, dies in der Blog zu schreiben, damit sie es dort nachlesen kann.

Nur falls sich jemand fragt, warum ich eigentlich diese ganze Geschichte hier erzähle. Weil die Frau es sonst nicht glaubt. Eine bessere Begründung hatte ich, glaube ich, noch nie für einen Text.

Vor- und ablesende Grüße

Horst

#63 Ein Termin, ein Termin!

Lieber Horst,

gerade habe ich einen Zahnarzttermin gemacht. 
Für die ganze Familie, ich war gerade so in Schwung. 
Und ich habe bemerkt, wie gut es sich angefühlt hat, mal wieder etwas Verbindliches und halbwegs Sinnvolles in den Kalender einzutragen. Soweit ist es jetzt schon – ich mache Zahnarzttermine, um mich eines letzten Fünkchens Normalität zu vergewissern.  

Vielleicht werde ich an dem Tag sogar etwas früher hingehen, es ist ein sehr gemütliches Wartezimmer mit ansprechender Literatur, das Mineralwasser ist vorzüglich und das Behandlungszimmer gut isoliert, so dass man weder von Bohrgeräuschen noch von Schmerzensschreien belästigt wird, während man in Cartoonbänden schmökert, die Namen tragen wie „Im Land des Lächelns“, was ich für eine Zahnarztpraxis nun wirklich sehr passend  finde. 
Auch beim Friseur habe ich einen Termin bekommen, schon im Juni. Dort liegt immer „Zehn kleine Zappelfinger“ aus, fällt mir dabei ein, was ich persönlich für einen eher ungünstigen Titel halte bei jemandem, der mit einer Schere in Gesichtsnähe hantiert.

Sämtliche Termine, auch Zahnarzt und Friseur, trage ich immer gleich in den Online-Kalender ein. Es ist so ein synchronisierter Kalender für die ganze Familie, der uns dabei hilft, ein bißchen den Überblick zu behalten, was gerade bei wem anliegt. 

Ich habe mir angewöhnt, abgesagte Termine nicht komplett zu löschen, sondern nur mit dem Vermerk fällt aus zu versehen. In Corona-Zeiten hat das zur Folge, dass ständig Erinnerungen aufploppen an Veranstaltungen, bei denen ich jetzt auf der Bühne gestanden hätte. Das gibt mir jedes Mal die Gelegenheit für ein tiefes Seufzen und eine Art Gedenkminute, bevor ich weiter meinem fehlgesteuerten Alltag nachgehe, in dieser Minute denke ich an die Kolleginnen und Kollegen, die ich jetzt gesehen hätte, die Texte, die ich gelesen hätte, das Lampenfieber, das mich zermürbt hätte. 
Wie gerne wäre ich mal wieder rechtschaffen zermürbt. 

Jedenfalls – am Abend vor dem Einschlafen gucke ich immer nochmal in den besagten Kalender, ob für den nächsten Tag vielleicht doch etwas drinsteht, das ich auf dem Schirm haben sollte. So auch gestern. Der Mann war schon fast eingeschlafen, ich flüsterte noch beiläufig „Ach schön, Du hast morgen diese Online-Vorlesung“ und wollte gerade das Licht löschen. Doch da stand er plötzlich im Bett. Mit irrem Blick. Sehr blass und sehr wach.

„O Gott“ sagte er, „das ist morgen?“

Er hatte es völlig verpeilt. 

Leider handelt es sich bei dieser auf 8 Stunden angesetzten Vorlesung nicht etwa um was, woran er teilnehmen wollte, er ist der Dozent. In der Nacht machte er sich also wie wild Notizen und raufte sich die stündlich grauer werdenden Haare. Heute Morgen dann führte er zig Telefonate, in denen oft die Worte Hilfe und bitte fielen, denn er hatte es leider auch versäumt, sich einen Zugang zur Uni-Plattform einrichten zu lassen, den er für eine Online-Vorlesung braucht…
Kurzum – es ist alles nochmal gut gegangen. Kurz vor 10 stand der Zugang, das Seminar läuft, offenbar sogar ziemlich gut. 
Das Thema? Selbstorganisation. 

Das lass ich mal so stehen. 

Ein leicht hysterisches Kichern aus dem Land des Lächelns sendet Dir

Susanne

PS: Das F in Montag steht für Freude!