#72 Die Maske steht Dir wirklich gut

Liebe Susanne,

eine bislang eher wenig beachtete Corona-Folge sind ja tatsächlich die zwiespältigen Komplimente, die diese Zeit so mit sich bringt.

„Die Maske steht Dir wirklich gut,“ habe ich mittlerweile weit mehr als einmal gehört. 

Aber auch schon die Varianten:

 „Durch die Maske bekommt Dein Gesicht etwas irgendwie besonderes.“ 

„Mit Maske merkt man mal, dass Deine Augen ganz schön sind.“ 

und „Du hast echt ein Maskengesicht.“

Durfte ich alles schon hören.

Leider war jeder dieser Sätze glaubhaft gut gemeint und damit natürlich noch zusätzlich niederschmetternd.

Zudem habe ich große Schwierigkeiten, andere unter ihrer Maske zu erkennen. Seit Wochen schon grüße ich praktisch täglich einen Mann in unserem Viertel, von dem ich keine Ahnung habe, wer er sein könnte.

 Er trägt immer seine Maske. So ein Spidermann-Muster. Genau genommen grüße ich nur die Maske. Wahrscheinlich gibt es mehrere Spidermänner in unserer Ecke, die ich alle für denselben Menschen halte und grüße. Vermutlich hält man deshalb Spiderman für einen Superhelden. Weil er ständig praktisch überall ist.

Grundsätzlich wäre jetzt natürlich mal die Zeit auch selbst Superheld zu sein. Also zumindest von der Maske her. Aber welcher Superheld möchte ich eigentlich sein? Karl Liebknecht? Frida Kahlo? Professor Drosten? Franz Kafka? Saul Goodman? 

Irgendwie fällt mir kein richtiger Superheld ein, in dessen Rolle ich mich mir vorstellen könnte. Aber vielleicht zumindest eine Superheldenkraft?

Ich glaube, wenn ich von allen Superhelden und Superheldinnen der Menschheits-, Kultur-, und Popkulturgeschichte mir eine Superheldenfähigkeit aussuchen dürfte, würde ich wahrscheinlich die von Daniel Düsentrieb nehmen. 

Eben weil ich so schlecht im Dinge bauen bin. Ich kann nur über meine Erfindungen quatschen. Von all dem, was ich mir so ausdenke groß daherreden. Das kann ich.

Aber Erfindungen machen, im Sinne von bauen findet bei mir nicht statt.

Insofern bin ich wohl ein bisschen wie Berlin. Ist Berlin eine Superheldenfähigkeit? Oder überhaupt eine Fähigkeit? Und wenn ja, gibt es Berlin als Maske?

Fragen über Fragen. Welche Superheldinnenfähigkeit würdest Du Dir wünschen?

Es winkt und grüßt

Horst

#22 Das brutzelt Dir das Obst weg

Liebe Susanne,

danke der Nachfrage. Hier ist alles prächtig. Also mal so vom Eingelegten her.

Weißt Du übrigens, daß ich einige Zeit meines Lebens damit verbracht habe, mir alte Berliner Redewendungen auszudenken?

Sowas wie: „Jetzt steht der mir hier wieder die Ecken voll!“ „Der guckt mir noch die Brille schmutzig“ oder „Das brutzelt Dir das Obst weg!“

Apropos Obst. Hast Du die Pressekonferenz der österreichischen Regierung gesehen? Alle mit Mundschutz. Irgendwie hat mich das auch an die früheren Videos der RAF-Terroristen erinnert. Ach die RAF. Da wird sich der Staat in ruhigen Momenten jetzt womöglich auch ab und an denken: Das waren noch Zeiten, als die mein größtes Problem waren.

Apropos Zeiten: Die Kinder haben gestern mit einem Programm gespielt, welches Menschen jünger machen kann. Also nicht in echt. So erfolgreich war das home-schooling nun auch nicht. Nur am Computer. Man macht ein Foto von sich und dann kann das Programm Dir mal eben so zwanzig, dreissig Jahre aus dem Gesicht rausmorphen. Das ist schon interessant. Aber auch erschreckend. Denn als mein dreißigjähriges Erscheinungsbild errechnet war, musste ich feststellen: So habe ich nie ausgesehen. Mit 40 war ich mir noch ähnlich gewesen, mit 20 auch wieder. Doch den dreißigjährigen Horst hatte ich noch nie gesehen.

 Die Kinder meinen, ein Irrtum des Programms sei quasi ausgeschlossen. Somit muss ich davon ausgehen, daß das Leben mir meine dreißiger Jahre vorenthalten hat. Also zumindest mal vom Gesicht her. Da bin ich offensichtlich ein Frühentwickler. Also hatte schon mit Mitte zwanzig das Niveau eines Vierzigjährigen erreicht. Im Gesicht. Das erklärt im Rückblick nun doch so einiges.

Noch irritierender wurde es allerdings, als wir später auch noch rumgespielt haben. Also andere Dinge, wie zum Beispiel Obst fotografiert und dann verjüngt haben. Denn ein etwas alter, schon eher runzliger Apfel hat tatsächlich, nachdem wir ihn rund fünfzig Jahre verjüngt hatten, ziemlich genau so ausgesehen, wie ich heute. Da war aber ein Hallo in der Familie und mir fiel auch nichts weiter mehr ein als die alte Berliner Redewendung:

„Da guckt einen doch der Trottel aussem Spiegel an.“

Immer eine handbreit Mampe im Glas wünscht Dir

Horst

P.S.: Anbei das Bild von mir als Hundertdreijähriger. Ich finde, hätte schlimmer kommen können.