#20 Draußen nur Ständchen

Liebe Susanne,

jetzt wird es Ernst. Der Frühling fängt an. Mitten in die Kontaktsperre rein. Jetzt wird sich zeigen, wer wirklich gut im zuhause bleiben ist. Bei Regen und Kälte kann ja jeder. Aber jetzt… Ich bin heute mal rausgegangen, um zu gucken, wer es so alles nicht gepackt hat. Es waren einige, aber die im Großen und Ganzen erstaunlich diszipliniert. Auch in den Kreuzberger Parks. Alle halten den Mindestabstand ein. Oder versuchen es zumindest aufrichtig. Nur wenn die großen Polizeiwannen zur Kontrolle durch die Grünanlage rollen, muss man manchmal kurz ein bisschen zusammenrücken, damit die durchkommen. Doch ich will gar nicht meckern. Über nichts und niemanden. Ich bin im Gegenteil gerade einigermaßen stolz auf die Stadt. Oder auf das, was ich von ihr sehe. Wie entspannt, freundlich, rücksichtsvoll und verantwortungsbewusst alle miteinander umgehen. Nicht, daß ich es nicht auch genau so erwartet hätte. Aber ich gehöre ja zu den Menschen, die immer eher überrascht sind, wenn sie tatsächlich mal recht gehabt haben. Ich suche dann immer nach dem Fehler. Aber vielleicht liegt es auch nur daran, daß in einer Stadt, in der es sonst 90 % der Menschen eilig haben, fast jeder Zeit hat.
Eines meiner Lieblingscafés wirbt heute mit „Draußen nur Ständchen“. Ich weiß nicht genau, ob sie damit verquast ausdrücken wollen, daß man nichts, was man dort gekauft hat, vor dem Lokal im Sitzen verzehren soll. Oder ob sie die Menschen dazu animieren möchten, auf der Strasse im Stehen zu singen. Mit Mindestabstand. Das fände ich hübsch, habe es mich aber erstmal nicht getraut.

Am Dümmer-See im Landkreis Diepholz gibt es eine Strandbar, die früher immer Themenabende veranstaltet hat. Also Thema war jeweils Malediven, Karibik, Seychellen und so. Man braucht viel Phantasie, um sich im Landkreis Diepholz an einem kühlen Regenabend im April wie auf den Malediven zu fühlen. War aber für uns kein Problem. Phantasie konnten wir. Wir hatten ja sonst nichts.

Manchmal gab es im Landkreis auch Wettbewerbe, wo man sich Slogans für Diepholz ausdenken sollte. Ich habe da immer mitgemacht und nie gewonnen. Als der Landkreis beispielsweise junge Unternehmen anlocken wollte, habe ich für die Kampagne eingereicht:„Wer sich aus dem Nichts etwas aufbauen will, braucht erstmal ein ordentliches Nichts. Wir haben jede Menge davon.“An den damaligen Gewinnerspruch erinnere ich mich nicht mehr. Aber daran, daß sich kein Unternehmen daraufhin angesiedelt hat. Weshalb ich bis heute der Meinung bin, man hätte meine Sätze nehmen sollen. Mit denen hätten wir zwar auch niemanden angelockt, aber alle hätten vermutet, daß es am Slogan lag. Das wäre weniger demütigend gewesen. Doch das wollte ich ja gar nicht erzählen. Ich wollte vom einzigen Werbespruch von mir berichten, der jemals genommen wurde. Nämlich für den Themenabend Mallorca in der Strandbar. Für den habe ich getextet: „Draußen nur Eimer“. Ich finde, wenn ich heute eine derart dunkle Episode aus meinem Schaffen, so frei heraus erzählen kann, ist das ein gutes Zeichen. Wofür auch immer.

Wie sagen wir bei den Frühschoppenliedern stets so schön: „Wer nicht mitsingen will, muss hören“.

Mögest Du immer einen Zusammenhang finden

Horst

#19 Kornkreise und andere Baustellen

Lieber Horst,

ja, so schließt sich der Kornkreis. In unserer Familie sind die Kinder für das tägliche Update der Verschwörungstheorien zuständig, die sind da immer sehr gut informiert. Weißt Du denn schon von den Maschinenelfen in den Führungsetagen des Silicon Valley? Das erklärt ja so viel!

Mir persönlich gefiel auch die knappe Meldung „Zewa hat Apple gekauft“ sehr gut. Aber möglicherweise handelte es sich dabei auch nur um einen schlichten Aprilscherz. Wer weiß das schon noch zu unterscheiden, dieser Tage?! Wo Regierungen auf Flughäfen Mundschutzraub betreiben wie die Piraten, angeführt von einem verwirrten Mann, der aussieht als hätte er ein Eichhörnchen, um genau zu sein: ein schon sehr lange verstorbenes Eichhörnchen auf dem Kopf und der seinen Teint auf das böse Licht der Energiesparlampenindustrie zurückführt. 
Also, bei all dem Reden über alte weiße Männer – wir müssen auch die alten orangen Männer dringend im Auge behalten.     

Ansonsten wackeln bei uns weiterhin die Wände: Eines der wenigen Dinge, die auch in dieser seltsamen Zeit der Corona-Krise Bestand haben, ist der Lärm der nahgelegenen Baustelle. Homeoffice hat sich hier noch nicht durchgesetzt. 
Seit anderthalb Jahren ist die Birkbuschstraße auf knapp 1 km Länge aufgerissen. Ich erinnere mich noch an diese Ankündigung der „vorübergehenden Einschränkungen“, die 2018 an unserer Haustür klebte. Die Kinder hatten erstmal nur die Überschrift gelesen – „Ausbau des Netzes“ – und waren in unbändigen Jubel ausgebrochen, bis sie feststellten, dass es um Warmwasserrohre ging.  

Ich mag es ja immer, wenn Dinge Namen haben, die zu ihnen passen. Die Baufirma, die nun also seit anderthalb Jahren lautstark, Tag für Tag und vor allem ohne jeden ersichtlichen Fortschritt die Straße in Schutt und Asche legt, heißt Alda. Das ist doch sehr Berlin, oder? Und entspricht auch ziemlich genau dem, was ich jeden Morgen um 7 Uhr vor mich hin brumme, wenn der Presslufthammer seinen Morgengruß morst. Alda. Ob es schon eine Firma namens Digga gibt?
Tagsüber sieht man dann immer wieder mal Anzugträger mit Bauhelmen auf dem Kopf und Verzweiflung im Blick die Straße abschreiten… Ja, ich spreche es jetzt einfach mal aus, Horst:
Nach Lage der Dinge glaube ich, dass hier heimlich ein Flughafen gebaut wird.

Und apropos Fliegen: die ersten Störche sind da!
In einem Bericht im Info-Radio habe ich gelernt, dass Störche nicht unbedingt partnertreu, aber durchaus „horsttreu“ sind.

Mit diesem schönen Wort grüßt Dich

Susanne

#18 Ich sehe nur, was ich glaube

Liebe Susanne,

„Frisuren der Krise“ wäre eigentlich eine sehr schöne Idee für eine Fotoserie. Du solltest das im Auge behalten.

Ich kann da ja leider kaum mitreden. Die Krise meiner Frisur begann schon vor vielen, vielen Jahren und tragischerweise hat es da nie einen Rettungsschirm gegeben. Meine Frisur war allerdings auch nie systemrelevant.

Um etwas mehr Zeit für die persönliche Körperpflege zu gewinnen, haben wir in unserer Familie übrigens mittlerweile die Wahrnehmung der Außenwelt in Ressorts unterteilt. 

Also damit nicht mehr alle alles lesen müssen, hat nun jeder sein Spezialgebiet und informiert die anderen beim Morgen-Briefing nur über die neuesten Entwicklungen. 

Die Frau macht zum Beispiel dankenswerterweise den gesamten Bereich Trump/Bolsonaro, sowie andere Idioten und fasst dann nur kurz den größten Schwachsinn der Trottel für uns zusammen. Seit ich das alles selbst nicht mehr lesen muss, habe ich viel Zeit und auch Lebensqualität gewonnen. 

Die Kinder kümmern sich um den ganzen Komplex neue Fallzahlen, Statistik, aktuelle Gesetzeslagen der Kontaktsperre, Exit-Diskussion und so weiter und so fort. Die sind noch jung. Die macht das noch nicht so verrückt, wenn alle was anderes sagen und trotzdem jeder recht hat. Es ist toll, wie sie einem das alles jeden Tag in drei Minuten zusammenfassen und man sich dennoch absolut ausreichend informiert fühlt.

Ich hingegen hatte wieder großes Glück. Für mich blieb der Bereich der Verschwörungstheorien. Die Königsdisziplin in jeder Krise. Es gibt unfassbar viele im Netz. Neben den sehr langweiligen, vorhersehbaren und unoriginellen Theorien wie: 

Welteroberungsplan von China, 

DDR/Stasi/Erich Honneker-Verschwörung, 

Finanzblasenplatzen-Ablenkungsmanöver, 

Veganer-Angriff (da Corona-Viren meist durch den Verzehr von Tieren entstehen), Klopapierproduzentenverschwörung und all den Modellen, die darauf basieren, daß es gar keinen Corona-Virus gibt, 

habe ich aber auch eine aktuelle Lieblingsverschwörungstheorie.

Die basiert auf der Annahme, daß es schon in Kürze plötzlich einen Impfstoff gegen diesen Virus gibt, mit dem sich dann die gesamte Weltbevölkerung impfen lassen muss. In diesem Impfstoff ist dann aber noch was drin. Hier wiederum gibt es im Wesentlichen drei Varianten. Ein Wirkstoff der 

a) alle Menschen dieser Welt gehorsam macht (wem gegenüber ist umstritten) 

b) allen Menschen dieser Welt einen geheimen Sender implantiert (warum ist umstritten) 

oder c) die Gene aller Menschen dieser Welt so verändert, daß für sie eine andere Erdatmosphäre besser wäre. Nämlich eine, die den Bedürfnissen der Außerirdischen entspricht, die kurz danach auf der Erde landen (welcher Art diese Außerirdischen sind, ist umstritten, auch ob grundsätzlich freundlich oder feindlich)

Ich tippe bei dieser Auswahl natürlich auf c und halte das eigentlich auch für das wahrscheinlichste, da ich sowas ähnliches auch schonmal geträumt habe. Ein Traum, in dem ich übrigens sehr viele gepflegte lange Haare hatte. Womit sich der Kreis ja irgendwie schliesst, was ja wohl auch für die Theorie spricht.

Eine Welt der Wunder wünscht Dir

Horst   

#17 Krisenlocken und Kreuzworträtsel

Lieber Horst,

was für ein schönes Foto! Ich finde, Du solltest Deine Lichterkette öfter offen tragen. Glanz, Spannkraft, strahlend schöne Farben: alle Verheißungen des Shampoo-Regals auf einmal, zack fertig. Genial!

Wir haben hier noch keine rechte Lösung gefunden für die friseurlose Zeit. Wir verwildern so vor uns hin. Der Jüngste stand heute früh vorm Spiegel und sagte: „Oh. Ich kriege Krisenlocken“, befand dann aber, dass die Corona-Ferien, wie er die aktuelle Schulzeit zu nennen pflegt, super geeignet seien, um mal lange Haare auszuprobieren. Noch so ein Zeichen der Zeit also. Auch in der Warteschlange vor dem Supermarkt konnte ich manche Frisur in der Krise entdecken.

Vor unserer Lidl-Filiale gibt es jetzt einen Türsteher, der aussieht als hätte er bis vor kurzem noch im Berghain gearbeitet. Er ist auffallend breitschultrig und guckt sehr wichtig, ihn umweht eine gewisse Aura der Macht und der Gefahr. Sehr rührend ist allerdings, wie er immer wieder versucht, die Flasche Glasreiniger, mit der er die Griffe der Einkaufswagen desinfiziert, in der Hand zu drehen wie einen Colt. Dabei fällt sie ihm leider ständig runter, was dann letztlich unheimlich viel Zeit und Würde kostet. 

Im Laden selbst fühle ich mich derzeit immer wieder mal an die frühen Computerspiele der Achtziger erinnert. Pac Man oder Lady Bug, so muss das aus der Vogelperspektive aussehen wie die Leute versuchen, in größtmöglichem Abstand umeinander herum durch die Gänge zu fahren und dabei ihre goldenen Hefewürfel und andere Begehrlichkeiten einzusammeln. Beim letzten Einkauf habe ich mich tatsächlich dabei erwischt, wie ich den Sound dazu vor mich hin gemurmelt habe, diese Atari-Belohnungsgeräusche, Crabcrabcrab. Und Tüdelidütü. Ich glaube, wenn Corona irgendwann durch ist, werde ich mir den Ruf der durchgeknallten Frau aus der Nachbarschaft endgültig erarbeitet haben.

Und zu Hause? Eine schräge Art Alltag etabliert sich allmählich und alle sind redlich bemüht, sich nicht allzu sehr auf die Nerven zu gehen. Manchmal gibt es auch überraschend schöne Momente. Als ich mich neulich an einem Kreuzworträtsel zu schaffen machte, zum Beispiel, da legte mein Sohn doch glatt sein Smartphone zur Seite, setzte sich zu mir und wollte miträtseln. 
„Indisches Frauengewand?“ fragte ich also. „Wasabi“, rief er stolz.
„Unterwelt der nordischen Mythologie?“ „Berghain.“
Wir haben das abschließende Lösungswort auf diese Weise natürlich nicht herausbekommen, aber wir hatten viel Spaß. Wie hieß es so klug auf einer meiner Geburtstagskarten? Wenn der Weg schön ist, dann frage nicht, wohin er führt. 
In diesem Sinne:

Ein fröhliches Tüdelidütü aus Steglitz,

Susanne

# 16 Wenn’s wieder geht, geht’s los

Liebe Susanne,

auch von mir noch nachträglich die besten Wünsche zu Deinem Geburtstag. Mögen auch Deine weiteren Jahre so gut zu Dir sein, wie es die bisherigen waren.

Immerhin hast Du schon gefeiert. Neben vielen anderen Staus kommt auf uns ja auch eine Familienfestwelle im Herbst zu. Also wenn dann größere Zusammenkünfte wieder möglich sind. Nicht nur die vielen Feiern, die von jetzt oder dem Sommer auf den Herbst verschoben werden, müssen dann ja nachgeholt werden. Auch praktisch alle Menschen, die ich kenne, die bislang nicht sicher waren, ob sie mal was „Größeres“ machen wollen, sind plötzlich fest entschlossen. 

„Da man ja nun mal gesehen hat, wie schnell das gehen kann, daß es nicht mehr geht, sollte man  sobald es wieder geht, feiern was geht, solange es noch geht.“ 

Diesen Satz sagte gerade wortwörtlich meine Cousine am Telefon zu mir. Dann lud sie uns zu ihrer richtig großen Geburtstagsparty im Oktober ein. An einem Wochenende, an dem für mich jetzt schon zwei runde Wiegenfeste, eine grüne Hochzeit, eine goldene Hochzeit, zwei vom März verlegte Auftritte und eine Theatereröffnung liegen. Der eigentliche Geburtstag meiner Cousine wird übrigens im Mai gewesen sein.

Wir haben familienintern bereits beschlossen, daß wir uns wohl aufteilen müssen, um alle Feste in der zweiten Jahreshälfte zu schaffen. Wohlwissend, daß dies in Horrorfilmen immer der Anfang vom Ende ist. Also wenn man sich aufteilt. Aber da Familienfeiern schliesslich ein ganz anderes Genre als Horrorfilme sind, bleiben wir zuversichtlich. Falls die Einladungen sich allerdings noch mehr ballen, kommen wir wohl nicht drum rum, Leute einzustellen, die uns beim abfeiern helfen.

Wenigstens aber muss man sich im Moment mal keine Gedanken über Geschenke machen. Endlich sind die sonst als langweilig verschrieenen Gutscheine das angesagte Präsent der Stunde. Also eben Gutscheine für Restaurants, Cafés, Theater, Praxen und andere Läden, die im Moment geschlossen haben müssen und denen man mit so einem Gutschein ein bisschen über die Zeit hilft. 

Aber meine absolute Lieblingswerbeaktion kommt gerade von einem der tapferen Restaurants bei uns im Viertel, die immer noch Essen für Selbstabholer anbieten. Das wirbt nämlich mit: 

„20 Prozent auf alles außer Speisen und Getränke“

Da werde ich wahrscheinlich zur Belohnung für dieses Angebot meinen Geburtstag feiern.

100 Prozent von alles wünscht Dir

Horst

P.S.: Auf dem Foto trage ich übrigens eine elektrische Happy Birthday-Lichterkette. Sowas können ja nicht viele mit Würde tragen. Auch ich nicht. Aber für Dich mache ich es gerne.

#15 Liebling, der Herbst lässt dich grüßen

Lieber Horst,

Ich weiß genau, was Du meinst! So viel Natur, das ist verstörend für uns Großstädter. Heute früh, als ich wieder einmal auf dem Balkon stand, um frische Luft zu schnappen, hörte ich plötzlich ein markerschütterndes Zetern und Schreien. Erst dachte ich, es gäbe wieder Streit in der Warteschlange vor der Apotheke. Aber es war nur der Ruf eines paarungswilligen Fuchses. Und was Dein Problem mit diesem Marder angeht, da könnte sich ja vielleicht der Bussard drum kümmern, der neuerdings immer über unserem Haus kreist. Ich meine – was kommt als Nächstes, Delfine im Teltowkanal? 
Ob ich mal nachgucken gehe? Zeit hätte ich gerade, in der Warteschlange zum IBB-Soforthilfe-Antrag sind immer noch 163.546 Menschen vor mir…

Gestern war ja nun mein Geburtstag. Ich wollte gar nicht so recht, irgendwie fühlt sich das nicht richtig an, in so einer sorgenvollen Zeit so etwas Banales wie Geburtstag zu haben.
Zudem muss ich gestehen, dass das Älterwerden zu den Dingen gehört, die mir mit zunehmendem Alter immer schwerer fallen. Ein schöner Indikator dafür ist, welche Melodien mir in den Sinn kommen, wenn ich morgens in den Spiegel gucke. Du kannst nicht immer siebzehn sein. Oder Zombie. Oder wie hieß noch dieser 30er Jahre-Schlager, Liebling, der Herbst lässt dich grüßen? Aber das nur am Rande.

Letztlich war es dann doch ein überraschend schöner Tag. Hast Du diesen schönen Schnee gesehen? Und ich habe neben einem selbst gebackenen Kuchen (…) viele unglaublich nette Nachrichten und ganz herzerwärmende Post bekommen. Echte Post! Die Menschen schreiben wieder, ist das nicht ein wunderbarer Nebeneffekt dieser Zeit? Einige formulierten bei der Gelegenheit zwar auch sehr wortreich ihre aktuellen Sorgen (im Fall meiner Tante Elise war in der Glückwunschkarte eine ausgeschnittene Statistik der Corona-Toten von Italien aufgeklebt), aber die guten Wünsche überwogen. Die meisten wünschen mir demnach für das kommende Lebensjahr Gesundheit, Glück und Klopapier. Das hätte mich vor einem Jahr wohl noch ein wenig irritiert.

Der Knaller war meine Freundin Nina. Nina hat ihren Gruß nicht geschrieben, sondern getanzt. Mitten auf der Straße, mit Luftballons in der Hand. Ich habe ihr aus gebotener Distanz aus dem 4. Stock zugesehen und mich sehr, sehr reich gefühlt.
Freundinnen wie Nina kannste ja bei keiner IBB beantragen. 

Ein bißchen sentimental, aber bester Dinge grüßt Dich

Susanne


PS: Heute früh fiel mir beim Blick in den Spiegel übrigens kein Lied ein, sondern direkt Inge Meysel.

#14 Der Gegenwart fehlt aktuell das Fingerspitzengefühl

Liebe Susanne,

ich weiß gar nicht, ob unser Kühlschrank einen Namen hat. Falls doch, heisst er vermutlich „Alter“, denn häufig sagen Familienmitglieder nach dem Öffnen, beim Blick in den Kühlschrank: „Ey Alter!“

Wir haben allerdings einen Namen für unsere Geschirrspülmaschine. Sie heisst Inge Meysel, weil die Geräusche der Maschine oft an deren Art zu sprechen erinnern.

Aber was anderes: Ich wollte eigentlich schon lange erzählen, daß zu allem Überfluss nun bereits  seit einigen Wochen auch noch ein Marder irgendwo auf den Dächern unseres Straßenzuges wohnt. Wenn nun Wildtiere mitten in der Großstadt neben mir zu wohnen anfangen, finde ich das. von der Symbolik her, wirklich etwas zu plump. Ich denke, da fehlt der Gegenwart aktuell ein wenig das Fingerspitzengefühl. Wie in einigen anderen Bereichen auch.

Jede Nacht läuft das agile Tier mindestens einmal über unseren Balkon und guckt mich kurz an, als wollte es sagen: „Du weißt, warum ich hier bin.“

Aber ich weiß es gar nicht. Der Marder verstärkt nur meinen Verdacht, daß ich in eine Netflix-Serie reingezogen wurde und mich nun vor dem Cliffhänger am Staffelende fürchte.

Apropos Netflix. Immerhin habe ich wieder angefangen, Fremdsprachen zu lernen. Oder besser gesagt zu üben. Mit Serien. Also ich gucke Serien, die ich schon gesehen habe, jetzt nochmal mit einer anderen Sprachspur. Das ist oft interessant und lehrreich zugleich.

 Bei „Dark“, dieser etwas vertrackten deutschen Serie habe ich beispielsweise im Original mehrfach den Faden verloren. Als ich es auf türkisch geguckt habe, ergab aber plötzlich alles einen Sinn. 

Manchmal ändere ich die Tonspur aber auch schon beim ersten Gucken. Früher, wenn mir etwas nicht gefallen hat, habe ich den Sender gewechselt. Heute wechsle ich die Sprache. Es wäre schön, wenn ich auch einmal das Tier, das über unseren Balkon läuft, austauschen könnte. Aber dazu muss ich wohl erstmal herausfinden, wie diese Serie heisst, in der ich mich befinde.

Sana harika bir gün diliyorum

Horst

P.S.: Ich habe den Marder fotografiert, aber der hat mir wegen Schutz seiner Persönlichkeitsrechte die Veröffentlichung untersagt. Daher hier nur ein Symbolfoto.

#13 Aufwachen wird überbewertet

Lieber Horst,

Oh Mann. Heute ist einer dieser Tage. 
Es fing schon mit dem Aufwachen an, der Himmel war grau, von guter Laune keine Spur, sogar der Wecker stand auf 08/15. Aufwachen wird meiner Meinung nach total überbewertet. 
Ich ließ meinen müden Blick durch das Zimmer schweifen. Und das Zimmer guckte zurück. 

Das ist definitiv einer der Nachteile der Quarantäne-Zeiten: Man hat keine Ausreden mehr.
Die Wohnung sieht nicht mehr so aus, weil man nie Zeit hat. 
Die Wohnung sieht so aus. 
Und man würde noch viel mehr davon sehen, wenn durch die dreckigen Fenster mehr Licht käme. Ja, vielleicht ist es in Wirklichkeit gar nicht so schlimm und es liegt nur am Wetter und meiner krisengebeutelten Grundstimmung. Aber ich sag mal so – wäre das hier eine Ferienwohnung, ich würde sofort reklamieren.

Ich war um ehrlich zu sein noch nie so die Putzfee.  Cafés und  Restaurants habe ich deshalb auch schon immer übelgenommen, wenn sie so vermeintlich einladende Namen tragen wie Como en Casa.  Ich gehe schließlich nicht weg, um mich zu fühlen wie zu Hause, Hallo? 
Mein Sohn wollte ja neulich auch nicht in dieses Restaurant rein, weil auf der Tafel was von Omas Küche stand. (Jeder, der schon mal in der Küche meiner Schwiegermutter – aber das ist ein anderes Thema.)

Naja, über Restaurantbesuche muss man sich ja nun momentan keinen Kopf machen. 
Es wird zu Hause gegessen. Alle sind immer da. Und alle essen. Auch der Kühlschrank sieht aus. Wenn das noch lange so weitergeht mit den Ausgangsbeschränkungen, brauche ich einen Sandsack. Also – nicht nur wegen der Figur. Im Sportgeschäft hatte ich schon mal einen gesehen, da steht praktischerweise gleich ALEX, der Name des Herstellers, drauf. (Ich würde Alex allerdings einräumen, auf die andere Seite SUSANNE drauf zu schreiben. An Tagen wie heute bin ich nämlich unerträglich.)

Im Kühlschrank, ganz unten im Gemüsefach, habe ich vorhin einen Hefewürfel gefunden. Das neue Gold. Vielleicht backe ich heute noch ein Brot? 
Auch dieser Tag wird schon irgendwie rumgehen, und – um abschließend noch was Positives zu sagen: dank dieser elenden Zeitumstellung ist er ja wenigstens eine Stunde kürzer. 

Die Hefe geht. Johnny Walker kommt. 

Einen harmonischen Tag wünscht Dir

Susanne

PS: In Axel Hackes Geschichten hört ja sein Kühlschrank auf den Namen Bosch. In der Studenten-WG eines Freundes heißt der Kühlschrank jetzt Boschido.  Wie heißt Dein Kühlschrank, Horst?  

#12 Hefe ist das nächste Klopapier


Liebe Susanne,

der Chef mehrerer Edeka-Märkte hat in eine Interview gesagt, Hefe würde das nächste Klopapier werden. Das hat mich sehr irritiert. Ich kann mir das, offen gestanden nicht wirklich vorstellen und halte das auch für keine gute Idee. Eigentlich finde ich schon die Vorstellung eher eklig.Gut. Nur kurze Zeit später wurde auch mir klar, daß er damit gemeint hat, die Hefe wird knapp. Offensichtlich backen die Menschen gerade wie wahnsinnig selber Brot. Oder sie sind so wie ich und kaufen jetzt schon mal Hefe, weil sie denken, sie würden demnächst mit ihrer vielen Zeit, jede Menge spektakuläre Sachen machen. Dinge, die sie schon immer mal geplant haben. Wie Brot backen zum Beispiel. Oder ein Buch schreiben. Diesen Satz habe ich in den ersten Corona-Tagen tatsächlich  unterwegs ständig aufgeschnappt. „Ich könnte ja jetzt ein Buch schreiben.“ Ja, warum denn nicht? Über das Brot, das man nicht backt zum Beispiel.

Tatsächlich könnte man jetzt aber zu Mustafa gehen und einen Döner essen. Einfach so. Mustafa ist die Bude am Mehringdamm, wo die Schlange am Freitag um 16.30 Uhr normalerweise bis Tempelhof geht. Zu der Uhrzeit habe ich gestern dies Foto gemacht. Wer sich immer gefragt hat, wie dieser sagenumwobene Döner eigentlich schmeckt. Dieser Tage wäre die Gelenheit. Jetzt kriegen auch all die, denen immer die ganzen Touris in der Stadt auf die Nerven gegangen sind, mal einen Eindruck, wie die Stadt ohne Touristen ist. Also mir fehlen die Besucher schon. Sehr sogar. Denn wenn wir nicht bald wieder frische Touristen bekommen, werden wir Berliner vermutlich demnächst anfangen müssen über uns selber zu meckern. Und das kann ja wohl nicht Sinn der Sache sein.
Möge alle Deine Hefe aufgehen

Horst

P. S.: Es war übrigens meine Küchenschürze, in der ich vorgestern den Text geschrieben habe. Heute jedoch habe ich nur ein selbstgebackenes Brot getragen.

#11 Positiv bleiben

Lieber Horst,

Ich tippe auf die Jogginghose. Richtig? 
Karl Lagerfeld soll ja mal gesagt haben „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Ob dem so ist, sei mal dahingestellt. Aber schön finde ich, dass meine Kinder seither immer, wenn sie irgendwo ein Bild von Karl Lagerfeld erblicken, die großartige Frage stellen: „Ist das nicht der mit der Jogginghose?“

Das kann er nicht gewollt haben.  

Ja, auch ich bemerke, dass der Schluffilook des Home-Office was mit meinem Habitus macht. Nicht nur in den eigenen vier Wänden, ich gehe sogar so raus inzwischen. Angesichts all der existenziellen Fragen dieser Zeit verlieren irgendwie viele Dinge an Bedeutung, Modefragen gehören dazu.
Die große Schwester der Jogginghose ist bei mir übrigens die Home-Alone-Hose: eine eigentlich längst ausrangierte urgemütliche Cordhose, deren Anblick ich sonst nicht mal mehr meiner Familie zumute, an der mein Herz und meine Hüften aber sehr hängen. In der war ich gestern auch einkaufen. 

Bei unserem Supermarkt gibt es jetzt diese aufgemalten roten Linien auf dem Boden vor dem Kassenbereich. Manchmal sind sie nur schwer zu erkennen, weil so viele Menschen gleichzeitig darauf stehen. 
Man hört ja momentan viel über Streit und Zank in den Geschäften. In unserer Filiale ist der Ton, soweit ich das mitkriege, noch relativ höflich. Was vermutlich auch daran liegt, dass es so Menschen wie mich gibt, die es manchmal einfach nicht übers Herz bringen, jemandem den Marsch zu blasen, obwohl es vielleicht angebracht wäre.
Gestern zum Beispiel rückte eine alte Dame in der Schlange mir ganz fürchterlich auf die Pelle. Vorgelassen werden wollte sie leider auch nicht. Sie wollte lieber immer und immer wieder ganz verzückt den Stoff meiner Home-Alone-Hose befühlen (!) und mir davon erzählen, dass sie so eine auch gehabt hätte, damals in den Sechzigern. Als sie noch viel tanzen gegangen war, ihre Hände noch nähen konnten, ihr Mann noch lebte und ach. Meine Hinweise auf die Linien ignorierte sie souverän. Ich gab auf. Als ich meinen Einkauf verstaut hatte und den Laden verließ, war die alte Dame gerade am Bezahlen, ich hörte die Kassiererin noch sehr höflich sagen „Es wäre nett, wenn sie die Scheine nächstes Mal nicht anlecken…“ 

Es ist wirklich nicht immer leicht, sich richtig zu verhalten dieser Tage. Man weiß ja nie, wo die nächste Kontaktperson lauert?  Kontaktperson, auch so ein Wort der Stunde.  
Eine Freundin schrieb mir gestern:
„ Ich bin jetzt offiziell Kontaktperson. Warte noch auf das Testergebnis. Aber ich bleibe positiv.“ 

Das lass ich jetzt einfach mal so stehen.

Mit höflichem Gruß,
Susanne