#50 Endlich Fuffzich

Liebe Susanne,

Nun ist dies also tatsächlich schon der fünfzigste Brief, den wir uns schreiben. Also jeder 25.

 Das heißt, das geht jetzt schon über sieben Wochen so. Mir kommt es mal kürzer, mal sehr viel länger vor. Manchmal aber auch wie sieben Wochen.

 Wie bei so vielen Menschen ist auch mein Verhältnis zum Kalender mittlerweile eher so wie zum Alkohol. Ich brauche ihn nicht, aber ab und an hilft er mir schon. 

Um mich zu erinnern. Viele trinken um zu vergessen, ich trinke, um mich zu erinnern. 

An die Zeit, wo ich noch mehr und sorgloser getrunken habe. Ja teilweise war sogar meine einzige Sorge, daß ich zu viel trinken würde. Mir fehlen meine alten Sorgen manchmal sehr. Tatsächlich. Ich glaube, wenn man mich heute fragen würde, was ich aus meinen zwanziger Jahren am meisten vermisse, würde ich sagen: „Die Sorgen, die ich damals hatte.“

In Deinem ersten Brief schriebst Du, daß am nächsten Tag die Läden schliessen sollten. Deshalb haben viele noch schnell etwas auf Vorrat erworben. Du ein Fahrrad. Ein Hamsterrad, wie Du es damals so schön formuliertest. 

Ich erinnere mich noch gut an den Tag. Ein bisschen lag auch so eine Ferienstimmung über der Stadt. Heute sagt keiner mehr Ferien zu diesem Corona-Ding. 

Herr Scholz und Frau Gates haben gestern unabhängig voneinander geäußert, daß es wahrscheinlich noch zwei Jahre dauern werde, bis wieder eine Art Normalität Einzug halten könne. Ich weiß nicht, wo die beiden gedenken, diese zwei Jahre zu verbringen. Aber außer den zweien kenne ich niemanden, der diesen Zustand noch zwei Jahre durchhalten würde.

Ich wäre sehr froh, wenn man sich drauf einigen könnte, daß so ein weltfremder, jahrelanger Dauerausnahmezustand sicher keine vorstellbare Option ist. Zumindest nicht für normale Menschen. Doch mich fragt ja keiner. Was wahrscheinlich auch ganz gut ist. Schliesslich antworte ich sowieso meistens nur, wenn keiner fragt. Denn auf die ganzen Fragen hätte ich ja auch keine Antworten. Doch solange mich keiner fragt, fällt mir das Antworten leicht.

50 Tage Corona-Lockdown. Es gab schon auch ein paar gute Dinge in dieser Zeit. Deine Briefe zum Beispiel. Dafür möchte ich Dir tatsächlich an dieser Stelle einmal ganz offiziell und herzlich danken.

Dein Horst

P.S.: Gerade sagte jemand in Park: „Wenn mein heutiger Gemütszustand ein Obst wäre, wäre es ein Apfelgriebsch.“ Ich wusste genau, was er meinte.

#49 Die Husche

Lieber Horst,

was schwebt Dir vor, so ein klassischer Jutesack oder mehr was Modernes? 
In beidem sehe ich sehr gut aus, ich habe es gerade mal ausprobiert, das kaschiert auch ungemein.  

Ich bin in puncto Begrüßung jedenfalls für Lösungsvorschläge aller Art offen. 
Wenn ich derzeit gute Freunde auf der Straße oder im Park treffe, ist es immer die gleiche traurige Szene:  ich laufe freudig auf sie zu – und erstarre dann mit ausgebreiteten Armen mitten in der Bewegung. So stehe ich dann erstmal da, in visueller Umarmung quasi. „Das sieht immer aus, als würdest Du gerade zur Pirouette ansetzen“, sagt mein Sohn, „wie zur Salzstange erstarrt.“ 

Mit Redewendungen haben wir manchmal so unsere Schwierigkeiten. Aber auch mit diesem Bild konnte ich was anfangen. 

Heute früh hatte ich mit Blick in den Himmel gesagt: „Oh, ich glaube da kommt eine Husche!“
Er schaute darauf sehr skeptisch und folgte fragend meinem Blick. 
„Na… ein kurzer Regenschauer“ ergänzte ich deshalb, „eine Husche eben!“ 
„Ach so, ich hab jetzt nach irgendeinem Insekt geguckt!“ Auch eine schöne Idee. Eine Husche eben. Wir befanden dann, dass es auch ein guter Codename für die wirre Nachbarin von schräg gegenüber wäre, die wir manchmal beim Einkaufen treffen. 

Ich höre mich im Moment aber manchmal auch wirklich seltsame Sachen sagen.  
Dass es zieht, zum Beispiel. Kannst Du Dich erinnern, dass es in unseren jungen Jahren jemals gezogen hätte?! Zugluft, das war doch was für alte Leute. Ich habe das Nina mal erzählt, als wir neulich telefonierten.  „Ich weiß genau, was du meinst“ meinte sie. „Ich habe vorhin das Radio angemacht und dabei laut gesagt: Ich habe jetzt Lust auf was Flottes!“ 
Es ist immer wieder das Ridiculus-Prinzip, das uns rettet: Gemeinsam darüber zu lachen macht, dass das schlechte Gefühl verpufft. 

Was sonst so los ist? Nicht viel. 

Ich gehe immer wieder mal raus, am Flieder riechen. Ähnlich wie andere Leute eine rauchen gehen. Kette riechen, quasi. Ich liebe diesen Duft. 

Und so oft ich kann, gehe ich spazieren. Alle gehen spazieren. Lili sagt, der Hund ist schon ganz fertig, weil alle ständig mit ihm spazieren gehen. 

Mein Handy ist jetzt unter die Verschwörungstheoretiker gegangen. Wenn ich Vermummung schreibe, will es immer Verdummung daraus machen. 
Apropos, ich hatte doch erzählt, dass ich jetzt meine Lieblingsmaske gefunden habe. Ein Foto hänge ich an. 

Ach und guck, immerhin schon Text #49 heute, Horst. Kurz vor 50, wie im wirklichen Leben. Da darf man doch schon mal reden wie ne Alte?

Mit einem liebevollen Kniff in die Wange – zumal aus sicherer Entfernung –
grüßt Dich

Susanne

PS:  Ohrwurm des Tages: I´m on the Highway to Health!

#48 Der Verabschiedungssack

Liebe Susanne,

Ich habe heute große Teile des Tages damit verbracht, in der Stadt zu beobachten, wie die Menschen sich begrüßen und verabschieden. Dies ist ja mittlerweile sehr individuell und kreativ geworden, da man das nicht mehr per Handschlag, Umarmung oder Anstupsen machen kann.

Erstaunlich oft sehe ich diese asiatische Verbeugung mit aneinander gelegten Händen. Wie beim Judo oder der Teezeremonie. Tatsächlich muss ich leider auch jedesmal an Kung Für Panda denken und rechne immer damit, daß es dann ja wohl gleich in die Fresse gibt.

Nachdem die Zeit der Fuß- und Ellenbogenshakes anscheinend auch vorbei ist, habe ich heute auch viele gesehen, die sich zur Begrüßung voneinander wegdrehen und mit den Hintern zusammenstoßen. Das ist zumindest lustig. Für Zuschauer und Postupser gleichermaßen.

Zudem gibt es selbstverständlich auch expressionistisches Winken oder kleine Tänze. Hübsch. Allerdings konnte ich auch zweimal beobachten, wie sich Menschen zum hallo sagen mehrfach auf den Kopf gehauen haben. Also jeder auf den eigenen. Das war seltsam.

Andere haben statt Umarmung einmal die Maske auf und wieder abgesetzt. Doch das eigenartigste, was ich beobachten konnte, war, wie sich zwei gegenseitig ihre Handys gezeigt haben, auf deren Bildschirmen dann GIFs von schüttelnden Händen waren. 

Wo führt es hin, wenn das Schule macht? Zeigt man sich demnächst auch gegenseitig Küsse auf Handys? Und dann Bilder von Ohrfeigen, weil das Bild vom Kuss als übergriffig empfunden wurde? Welche anderen zwischenmenschlichen Begegnungen werden in Zukunft durchgeführt, indem man sie sich auf dem Handy zeigt? Macht das noch Spaß?

Doch noch schwieriger als das Begrüßen, scheint das Tschüß sagen. Es zeigt sich, daß ein Verabschieden ohne Berührung oft irgendwie herzlos wirkt. Häufig sehe ich Menschen, die ratlos, bemüht lächelnd voreinanderstehen und dann einfach weggehen. Beide offensichtlich mit einem schlechten Gefühl. Das ist nicht schön.

Daher plädiere ich für die Einführung von absolut virendichten Verabschiedungssäcken. Die man sich nur zum Umarmen schnell über den Kopf ziehen kann. Wenn man sowieso immer Maske und Desinfektionsspray dabeihaben muss, wäre so Begrüßungs- und Verabschiedungssack doch auch kein großes Zusatzgepäck. Mal so als Anregung. Was denkst Du?

Sei umarmt

Horst

#47 Im Schatten des Basilikum

Lieber Horst, 

Beim Stichwort 31. April ist mir plötzlich ein ganzes Päckchen Erinnerungen aus dem Gedächtnis gepurzelt…

Die frühen Neunziger, ich wohnte damals in meiner ersten eigenen Wohnung und hatte es geschafft, diese in einem ansonsten wirklich formvollendeten Schreiben „zum 31. April“ zu kündigen. Der Hausbesitzer, ein Lankwitzer Blockwart mit Polyesterpulli und beigefarbener Schiebermütze, der noch dazu im Nebenhaus wohnte, hat dann extra bis zum Monatsersten gewartet, mich dann auf den Fehler aufmerksam gemacht – und mir mit süffisantem Lächeln erklärt, dass er in Ermangelung eines 31. April auch mein Schreiben als nicht existent betrachte. Meine Kündigungsfrist verlängerte sich so um einen Monat. 
Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Mit dem Mieterschutzverein. Aber nun – letztlich war es auch ein stimmiger Abschluss für ein ziemlich schräges Kapitel.
Nur ein Jahr hatte ich es dort ausgehalten und immerhin so einiges gelernt. Dass es Leute gibt, die den Rasen vor ihrem Fenster mit einer Nagelschere schneiden, zum Beispiel. Oder dass es Mietverträge gibt, in denen man zur „ortsüblichen Bepflanzung des Balkons (Geranien)“ verpflichtet wird.
Ich hatte dann neben den Geranien auch einen Basilikumtopf eingepflanzt. Im Treppenhaus sprach man hinter vorgehaltener Hand fortan nur noch über die „Kräuterhexe aus dem 3. Stock“…

Hach ja. Dabei war ich zu der Zeit eigentlich so menschenfreundlich drauf, gerade erst von einem halben Jahr auf Amrum zurückgekehrt und bester Dinge. 
Meine Amrumer Freunde – echte Insulaner, für die Föhr die große weite Welt war, weil es dort eine Ampel gab – riefen mich in den folgenden Jahren dann übrigens immer am 1. Mai an. Wenn ich ans Telefon ging, hörte ich aufgeregte Sätze wie „Ach, Gott sei Dank, Deern, bist du in Sicherheit? Brauchst du Hilfe?“, dann hatten sie im Fernsehen wieder Bilder vom 1. Mai in Kreuzberg gesehen. Das hat mich wirklich sehr gerührt. 

So, Schluss jetzt mit sentimentalen Erinnerungen.
Die Musik ist aus, nun gucke ich mal nach, wie es in der Küche aussieht. In einer pfiffigen Sekunde habe ich den Kindern nämlich erlaubt, ihre Wunschmusik volle Pulle aufzudrehen – solange sie sich währenddessen in der Küche nützlich machen.
Fröhliche Sätze wie „Darf ich den Geschirrspüler jetzt ausräumen?“ sind seither an der Tagesordnung. Ich liebe es. Und ihre ganz eigene Art, das Geschirr einzuräumen, sorgt obendrein für Abwechslung und Nervenkitzel.

Was will ich denn mehr? 

Heitere Grüße durch die verhagelte Stadt sendet Dir

Susanne

PS: Ich habe endlich eine Maske gefunden, die zu mir passt. Mehr morgen!

#46 Hauptsache nix mit Arbeit

Liebe Susanne,

Es soll jetzt wirklich keine Gewohnheit werden, hier die schlechten Witze meiner Kindheit zu zitieren. Doch wo ich schonmal von meinem Onkel angefangen habe und heute ja nun der erste Mai ist, muss ich doch erwähnen, daß der, immer wenn das Wetter am Tag der Arbeit so ein unsteter Wechsel von Sonne und Regen war, sich selbst begeisterte mit dem Ausruf:

 „Das ist ja gar nicht der erste Mai. Das ist ja der 31. April.“

Und als ich genau diesen Scherz gerade bei der offiziellen Wettervorhersage vom Sprecher im Radio hörte, da war das fast wie ein Heimkehren in die ländliche Kindheit. Aber mitten in Berlin. So weit ist es schon. Das jetzt sogar die schlechten Witze meiner Jugendjahre zu einem Stück Heimat und Geborgenheit für mich geworden sind.

Nun habe ich schon soviele erste Maie in Berlin erlebt. Doch erstmalig denke ich am Tag der Arbeit tatsächlich an Arbeit. Also Arbeit als etwas Positives. Das hätte ich nie erwartet. 

Als ich noch davon ausgegangen war, ich würde einmal so etwas wie einen Beruf ergreifen, war mein wichtigstes Kriterium für die Auswahl: „Hauptsache nix mit Arbeit!“.

 Eben irgendeine Beschäftigung, wo man für möglichst wenig Tätigkeit, sehr viel Geld bekommt.

Kurze Zeit später musste ich lernen. Man ergreift keinen Beruf. Das ist eine dieser Lügen, die sie Dir als Kind erzählen. Man wird von einem Beruf ergriffen. 

In meinem Falle war es ja dann einer, wo ich zunächst für erschütternd viel Tätigkeit deprimierend wenig Geld bekommen habe. Und dennoch davon überzeugt war (und immernoch bin), daß ich unfassbares Glück gehabt habe. 

Zum ersten Mal habe ich am Tag der Arbeit das Gefühl, ich würde mich gerne dafür bedanken. Wie ich mich eben für sowas bedanke. Mit einer Demonstration zum Beispiel. Wie genau das jetzt ablaufen könnte, weiß ich aber auch noch nicht. Zuviel Tätigkeit fände ich am Tag der Arbeit nun auch wieder unangemessen. Und soweit, daß ich mich dafür durchregnen lasse, geht der Wunsch mich zu bedanken ja nu natürlich auch wieder nicht.

Doch andere haben ganz andere Sorgen.

Ein Freund, der ein richtig großes Fest an diesem Wochenende absagen musste, tröstete sich gestern mit den Worten: „Naja, zum Glück hätten wir wenigstens Pech mit dem Wetter gehabt.“

Eine Nachbarin, die unter einem richtig heftigen Frühlingsschnupfen leidet, einer ständig laufenden Nase, meinte wörtlich: „Für mich persönlich ist dadurch diese Maskenpflicht in U-Bahn und Geschäften gerade die ekligste Erfahrung seit… das willste gar nicht wissen!“

Eine Bekannte meinte, in ihrem Haus gebe es mehrere Bewohner, die die Masken ablehnen, aber das Abstandsgebot durch den ununterbrochenen Verzehr von Knoblauch und rohen Zwiebeln durchsetzen wollen. Langsam dringt der Geruch vom Treppenhaus in die Wohnung.

Dagegen ist das seltsam Behagliche, welches ich bei schlechten Witzen aus meiner Kindheit verspüre, natürlich nichts worüber man sich Gedanken machen sollte.

Hoffe ich.

Einen schönen 31. April wünscht Dir 

Horst

#45 Pasta Arrabiata

Lieber Horst,

Als Kellner muss man wohl so einiges abkönnen, solche lustigen Kunden wie Deinen Onkel gibt es ja überall. Meist dicht gefolgt von denen, die darauf bestehen, sehr wortreich und umständlich in der jeweiligen Landessprache des Restaurants zu bestellen. Da helfen der Bedienung nur heiteres Nicken und ein stabiles Lächeln. Zumal die Araber, zum Beispiel, die die Pizzeria bei uns um die Ecke betreiben, ja selber gar kein Italienisch können. Ich liebe es sehr, wie sie trotzdem konsequent Prego sagen, mit so einer Prise Neukölln, zu Stammkunden auch gerne mal Prego, Bruder.

Hach ja.
Mit Freunden treffen, im Getümmel sitzen, plauschen, ein Glas Wein trinken und die Welt begucken – das wird wohl noch ein Weilchen dauern, bis das wieder geht. 
Ersatzweise machen wir im Freundeskreis jetzt manchmal Zoom-Konferenzen. Wir besprechen vorher, was wir trinken, dann wird angestoßen und geplaudert. Ich bin noch etwas unsicher, wie ich das auf Dauer finde, es ist sowas zwischen tröstlich und traurig.  

Ohrwurm des Tages? Jetzt dachtest Du bestimmt, Azzurro – aber nein. Eigentlich wäre ja heute Tanz in den Mai angesagt, ich singe deshalb schon den ganzen Tag Dancing with myself vor mich hin. Das kriegst Du jetzt bestimmt auch nicht mehr aus dem Kopf. Prego.
Jedenfalls habe ich soeben die Einladung eines Freundes erhalten: Zum Dis-Tanz. Online. Ich bin sehr gespannt, Bericht folgt.

Apropos, wie siehst Du denn dem 1. Mai entgegen? Die Polizei hat erklärt, dass die Hygieneschutzbestimmungen diesmal im Vordergrund stehen sollen. Ich kann mir das noch nicht so richtig vorstellen. Vor meinem inneren Auge sehe ich verstörte Demonstranten Steine desinfizieren.  Aber im Ernst, nie war das Vermummen so uncool wie in diesem Jahr, oder?

Leider habe ich das Gefühl, dass insgesamt eine gewisse Gereiztheit über der Stadt liegt.  Sagen wir so – vorhin im Park gab es einen Moment, da war ich mir nicht sicher, ob die Leute die Enten wirklich füttern. Oder die Enten mit Brot bewerfen. 

So, jetzt schnappe ich mir mal meine Mund-Nasen-Maske vom Schlüsselbrett und sehe nach, wie die Stimmung im Supermarkt heute ist. Ich drücke mich schon die ganze Zeit. Nicht wegen der Gereiztheit, vielmehr wegen meiner beachtlichen Knoblauchfahne. 
Tja, so sind wir dieser Tage wohl alle auf die eine oder andere Art auf uns zurückgeworfen.

Aus sicherer Entfernung grüßt Dich

Susanne

PS: Neulich gab es Küchenrolle im Retrodesign. Bei dem Slogan Dick& Durstig fühlte ich mich spontan sehr angesprochen. Deshalb hab ich es auch nicht gekauft.

#44 Wer ist schuld?

Liebe Susanne,

bei der Geschichte mit der Pistazien-Mortadella musste ich nun wieder gleich an meinen Onkel Herbert denken, der es liebte im Lokal folgende Bestellung aufzugeben:

„Ich hätte gerne einmal die Spaghetti Napoli. Aber mit Fleisch statt Nudeln und lassen Sie die Sauce weg.“

Bist zum Schluss hat er nicht bemerkt, daß es nie ein Kellner lustig fand. Auch sonst keine Person am Tisch. Nur er hat sich jedesmal ausgeschüttet vor Lachen. Solange, bis sich doch irgendwann alle mit ihm gefreut haben. Das war schon irgendwie auch toll. Er konnte wirklich einfach solange lachen, bis alle mitgelacht haben. Schade nur, daß er darauf bestanden hat, vorher auch noch einen Witz zu machen. Ohne seine Witze wäre mir das Lachen leichter gefallen.

Ein beliebtes Opfer seiner Witze waren, neben unbeteiligten Passanten, auch immer die Herren Professoren. Er kannte stets einen Herrn Professor Richtigschlau, der dann beispielsweise zu einer hundert Kilometer entfernten Tankstelle gefahren ist, weil dort das Benzin 2 Pfennig billiger war.

Dies wiederum fällt mir nun ein, da wir schon vor vier Wochen in der Familie diskutiert hatten, wem man wohl diesmal am Ende die Schuld für diese Krise geben würde. 

Ausländer, Asylanten oder Flüchtlinge wären ja wohl als Coronasündenböcke nur sehr schwer zu begründen. Selbst Juden oder Moslems kann man nicht richtig dafür verantwortlich machen. Und auch die Drogenmafia oder die Klimalobby bieten sich nicht wirklich an. 

Wir hatten deshalb schließlich im Scherz spekuliert, daß es nun womöglich die Wissenschaftler erwischen könnte. Was damals noch ein albernes Geplänkel war, scheint jedoch langsam gar nicht mehr so abwegig. Ich finde das beunruhigend. 

Natürlich könnte ich sagen: „Da sind sie auch selber schuld. Sie hätten ja auch so wie ich damals ihr Studium abbrechen können. Hat sie ja keiner gezwungen, einen Abschluss und Karriere zu machen.“ Doch ich bin nicht sicher, ob die, die es angeht, die Ironie verstehen.

Mein alter Linguistik-Professor hat mal gesagt: „An der Qualität ihrer Ironie, erkennt man die Idioten.“ Eine These, die durch die heutigen Scherze der AfDler häufig bestätigt wird.

Mein Onkel war übrigens im Grunde herzensgut. Nur ein bisschen Rassist und außerdem einigermaßen Akademiker- und Frauenfeindlich. Aber sonst ganz gewiss kein schlechter Mensch. Und er hatte Humor. Aber nicht zu knapp!

Außer, wenn er Witze erzählte. Aber irgendeine Schwäche hat ja jeder.

Wer kennt das nicht.

Bis morgen 

Horst

#43 Aber machen se das Grüne raus

Lieber Horst,

ich gestehe, auch ich sage immer noch Kaiser´s zu manchem Rewe.  Auch Butter Lindner zu Lindner und Twix wird für mich immer Raider sein. Dabei habe ich früher immer mit den Augen gerollt, wenn meine Mutter stur Brenninkmeijer sagte, wenn doch von C&A die Rede war.
Aber gut, meine Oma hat schließlich auch immer Heinz zu meinem Vater gesagt und der heißt Horst. Und zu Heinz Herbert und zu Herbert dann meist Horst. Manchmal variierte sie auch. Sie hatte es aber auch wirklich nicht leicht mit den Namen ihrer drei Schwiegersöhne, und mit zunehmendem Alter ging sie dazu über, nicht mehr nachzudenken und einfach immer alle drei Namen zu rufen, also: Herbertheinzhorst. Funktionierte einwandfrei. Und ist mir vor allem im Zusammenhang mit einer Rüge in Erinnerung, wenn die drei bei einer eigentlich beschaulichen Kaffeetafel mal wieder lauthals über Politik stritten. Herbertheinzhorst hatte deshalb auch immer sowas von Alle in einen Sack, Du triffst immer den Richtigen.

Was ich aber eigentlich erzählen wollte – beim Stichwort Kaiser´s fiel mir eine Szene wieder ein, die ich dort dereinst an der Wursttheke beobachten durfte. Ein Highlight aus der Rubrik Nonsens in Supermarkt.
Eine alte Dame, die vor mir dran war, bestellte wörtlich:
„…Und dann noch 100 g Mortadella mit Pistazien, bitte, aber machen se das Grüne raus!“ 

Ist das nicht wunderbar?
Gespannt wartete ich damals auf die Reaktion des Verkäufers, doch der seufzte nur resigniert und tat wie ihm geheißen, offenbar kannte er das Spiel schon. In seinem Gesicht lag das milde Lächeln desjenigen, der einen Weg gefunden hat, sich mit mit etwas zu arrangieren, das ihn eigentlich in den Wahnsinn treibt. 

Apropos. Diese Masken!
Ich bemühe mich wirklich sehr um das besagte milde Lächeln, aber es ist gerade mal Ende April und mir wird jetzt schon warm unter dem Ding. 
Nun gut, vermutlich braucht es auch einfach ein bißchen Geduld und Gewöhnung, wir üben ja alle noch.
Auch die Pflege der Dinger will gelernt sein. Die Tante einer Freundin hat ihren Mundschutz gestern zum Desinfizieren in die Mikrowelle gelegt. Davon hatte ich auch schon mal gehört. Leider sind ihre Masken dann in der Mikrowelle in Flammen aufgegangen. Wir vermuten stark, dass es synthetische Masken waren, vielleicht solche mit einem eingenähten Metallbügel für die Nase. 
Metall in der Mikrowelle ist ja ähnlich gesund wie Desinfektionsmittel in der Spritze, aber das ist ein anderes Thema. 

Ich pflege derweil meine Rituale. 
Morgens gehe ich mit meinem Pott Kaffee auf den Balkon und bestaune erstmal die neuesten Kapriolen der Clematis. Die kennst Du ja auch schon.  Heute früh hat sie gerade den Sonnengruß geübt, das fand ich sehr berührend. Vielleicht probiere ich das auch mal irgendwann. 

Mit mildem Lächeln grüßt Dich, lieber Heinz,

Susanne

#42 Ich kenne Frauen in allen Größen

Liebe Susanne,

dieser neue Text auf „the lion sleeps tonight“ fällt wirklich in die Kategorie: Wäre ich auch gern drauf gekommen. „The liar tweets tonight“ summt man doch gerne.

Apropos, im Park bin ich heute einer telefonierenden Frau begegnet, die plötzlich sehr authentisch und verzweifelt geschrien hat: „Echt mal ehrlich! Warum können denn nicht einfach alle das machen, was ich will?“

 Das hätte ich wirklich auch nicht besser formulieren können. Oder um mit Groucho Marx zu sprechen: „Ich bin nicht so größenwahnsinnig zu glauben, ich könnte alle Probleme dieser Welt lösen, wenn ich absolute Macht hätte. Aber ich könnte zumindest meine Probleme lösen.“

Dazu passt leidlich ein bemerkenswerter Dialog zwischen einem vielleicht vierjährigen Mädchen und ihrem Vater, den ich Mitte der Woche im Supermarkt aufgeschnappt habe. 

Das Kind fragte nämlich, warum ihre Eltern immer Kaisers zu dem Rewe-Markt sagen. Woraufhin der Papa antwortete, daß der Markt früher Kaisers geheißen hätte, dann aber wie alle Kaisers-Märkte von Rewe und Edeka gekauft wurde.

Die Tochter befand, daß Kaiser als Name sehr viel besser sei, als Rewe oder Edeka. Hätte man sie gefragt wäre eine derartige Namensverschlechterung nicht passiert. Also sinngemäß meinte sie dies. Das Mädchen hat es ein wenig einfacher ausgedrückt und mit Würge- und Kotzgeräuschen untermalt.

 Der wirklich erstaunliche und wörtliche Satz von ihr kam jedoch einige Sekunden später, als sie unvermittelt beschloss und verkündete: „Wenn ich groß bin, kaufe ich Jonas, dann kann ich ihn Findus nennen.“

Oder um es mit meinem alten Englischlehrer Herrn Noltze zu sagen, der, wenn er wieder mal die Namen seiner Schüler verwechselt hatte, gerne ausrief:

„Ach, heißt doch alle, wie ihr wollt!“

Namentliche Grüße

Horst

P.S.: Das mit dem Kleid hat sich erledigt. Die Interessentin hat das Foto gesehen und abgewunken. Aber über die Größe „S“ hat sie sich sehr gefreut. Ich weiß halt, wie‘s läuft. 
Doch auch grundsätzlich kann ich nach kurzem Nachdenken ganz aufrichtig sagen: Ich glaube, ich kenne wirklich Frauen in allen Größen.

#41 Für Sie empfohlen

Lieber Horst,

heute muss ich mal einen schlimmen Verdacht äußern: Ich glaube, Amazon liest mit. 

Du kennst das sicher, dass immer wieder mal ungefragt Werbung aufploppt, wenn man im Internet unterwegs ist. 
Normalerweise bin ich wirklich sehr, sehr gut darin, diese zu ignorieren. Heute früh war ich wohl noch ein bißchen verschlafen und so blieb mein müder Blick dann doch aus Versehen hängen. 
Amazon empfiehlt mir demnach aktuell folgende Bücher:

  1. „Wie man Selbstdisziplin aufbaut, um Sport zu treiben“
  2. „Pubertät – wenn Erziehen nicht mehr geht“
  3. „Ratgeber narzisstische Persönlichkeitsstörung“

Zack, da isses. Mein Leben in drei Buchtiteln. In den nächsten Texten muss ich vielleicht mal unauffällig ein paar Schlagworte einbauen, die mein Profil wieder glattbügeln. Bikinifigur, Familienglück, Therapieerfolg. Ha! Nimm das, Amazon. 

Nach den letzten Texten ist wohl auch damit zu rechnen, dass wir Hochzeitsratgeber oder sowas empfohlen bekommen. Ich behalte das mal im Auge. 
Das Kleid hängt übrigens immer noch an der Bushaltestelle und weht ein wenig melancholisch in der Frühlingsbrise vor sich hin. Ich schaue nachher mal nach der Größe. Und Du kennst wirklich Frauen, die Größe S tragen? Unheimlich… 

Ich neige neuerdings dazu, Sachen zu tragen, die mir etwas zu groß sind, das ist total gut für die Psyche. Ich erinnere mich, dass Georgette Dee auf die Frage, warum sie immer mit dieser extrem langen Zigarettenspitze raucht, sinngemäß mal geantwortet hat: weil meine Hände dann zierlicher aussehen

Jetzt hab ich also überlegt, was man mit diesem Ansatz noch machen kann. Im Altbau wohne ich ja schon, die hohen Decken stehen mir sehr gut. Was meinst Du, ob es vorteilhaft wäre, von der Gitarre zum Bass zu wechseln? Für weitere Ideen bin ich offen. 

So, nun gehe ich mal in die Küche, das Abendessen vorbereiten. 
Auch ich vermisse im Corona-Alltag ja Dinge, von denen ich das nicht erwartet hätte. Fußball zum Beispiel! Kochen bei der Bundesligakonferenz vom Inforadio, ein festes Ritual. 
Aber die Berichte, die sie stattdessen bringen, sind mitunter auch ganz interessant. Auf der langen Liste der „Dinge, die ich nach Corona unbedingt mal machen will“ steht jetzt zum Beispiel auch „In Bremen mal einen Ahlenfelder bestellen und gucken, was passiert“. 
Ahlenfelder ist dieser Schiedsrichter, der bei einer Partie Hannover – Bremen so besoffen war, dass er schon nach 31 Minuten zur Halbzeit gepfiffen hat. Es heißt, man kriege heute noch ein Pils und einen Malteser, wenn man in Bremen einen Ahlenfelder ordert. 

Im Schrank liegt übrigens auch noch eine Tüte Chips der Geschmacksrichtung Stadionwurst. Hatten die Jungs mir vom Einkaufen mitgebracht, zum Trost. Womit wir jetzt nicht unbedingt bei der Bikinifigur, aber unbedingt beim Familienglück wären.

Fröhliche Grüße aus der Westkurve,

Susanne  

PS: Mein Ohrwurm des heutigen Tages ist The Lion sleeps tonight . 
Es gibt eine aktuelle Version von Roy Zimmerman:
In the White House, the mighty White House, the Liar tweets tonight …