#80 In 80 Tagen um die Welt zuhause

Liebe Susanne,

Corona ist noch nicht vorbei. Wer wüsste das besser, als wir? 

Noch immer ist alles, was wir machen dürfen, nur Behelf. 

Samstagabend beispielsweise gehe ich auf die Schöne Party. Allerdings werde ich der einzige Gast dort sein. Da die Macher der Schönen Party zumindest nicht gar nichts machen wollen, werde ich also im LiveStream ab 20.00 Uhr 45 Minuten lang Geschichten erzählen. Natürlich ohne Publikum. So gern ich mich und meine Geschichten auch mag. Was für eine Party ist das denn?

Allerdings habe ich jetzt natürlich Angst, daß sowas passiert, wie bei dem Landwehrkanal-Rave am Sonntag. Also daß spontan tausende Raver am Samstag mit und ohne Schlauchboote in den Frannz-Club kommen, weil sie zu meinen Texten mal wieder richtig abtanzen wollen. Ich hoffe, es geht alles gut.

Das dachte man ja ohnehin ständig während der letzten 80 Tage. Hoffentlich geht alles gut. Das werden wir natürlich auch in den nächsten 80 Tagen denken. Und eigentlich denke ich das ja schon mein ganzes Leben lang. Im Prinzip sogar ununterbrochen.

Daher möchte ich diesen letzten (viel zu langen) Brief des Krisenkalenders nutzen, um eine kleine höchst unvollständige und extrem subjektive Bilanz von Corona zu ziehen. 

Ich fand und finde diese Seuche und ihre Folgen alles in allem wirklich sehr, sehr, sehr doof. 

Damit wäre diese Bilanz eigentlich schon abgeschlossen, allerdings bin ich ja stets bemüht auch das Positive zu sehen, weshalb ich hier dann doch noch etwas differenzieren möchte.

Gut ist, daß die Massnahmen vermutlich bislang sehr, sehr viele Leben gerettet haben und hoffentlich auch weiter retten werden.

Schlecht ist, daß trotz allem auch viele Menschen an dieser Krankheit gestorben sind und auch noch sterben werden.

Gut ist, daß der Schutz von Leben tatsächlich einmal vor den Schutz der Wirtschaft gestellt wurde.

Schlecht ist, daß am Ende nicht die Wirtschaft den Preis dafür zahlen wird.

Gut ist, daß für einen ganz, ganz kurzen Moment sehr viele Menschen endlich mal die Anerkennung für ihre Arbeit bekommen haben, die ihnen mehr als zusteht.

Schlecht ist, daß dies eben nur ein sehr kurzer Moment war und sie sich auf mittlere Sicht für diese Anerkennung nichts werden kaufen können. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Gut ist, daß ich wohl für den Rest des Jahres keine Steuern mehr zahlen muss.

Schlecht ist, daß dies wahrscheinlich vielen kleinen Selbstständigen so gehen wird.

Gut ist, daß der ganz überwiegende Teil der Menschen sich in Krisensituationen verständig, sozial, uneigennützig und opferbereit verhält.

Schlecht ist, daß keine der Chancen, die diese Krise geboten hätte, genutzt werden wird.

Gut ist, daß zur Corona-Hochzeit viele der größten Idioten tatsächlich mal die Klappe gehalten haben.

Schlecht ist, daß die allergrößten Idioten nun allerdings lauter denn je sind.

Gut ist, daß ich nicht in einem Land lebe, welches von bösartigen, durch und durch skrupellosen Narzissten regiert wird.

Schlecht ist, daß mir das womöglich nichts nützt, wenn die dumpfe Seite der Macht die ganze Welt in Brand steckt.

Gut ist, daß ich während der schlimmsten Corona-Tage diesen Krisenkalender hatte, der mir sehr geholfen hat, nicht wahnsinnig zu werden oder mich ganz der tiefen Traurigkeit hinzugeben.

Schlecht ist …daran nichts.

Nichts muntert mehr auf, macht mehr Mut, als der Versuch etwas Lustiges zu schreiben. 

Allen Leserinnen und Lesern möchte ich daher aufrichtig danken, daß sie mir eine Motivation dafür gegeben haben.

Ich konnte nie Tagebuch schreiben. Da ich mich selbst als Leser nicht ernst nehme. Für mich würde ich mir keine Mühe geben.

Daher danke ich Ihnen, für die Mühe, die ich mir gemacht habe. Mir hat das sehr gut getan.

Der Krisenkalender wird mir fehlen. Aber, um den Gedanken, den ich in meinem vorletzten Brief vorbereitend schon umrissen habe, hier nun wieder aufzunehmen: 

Irgendwie mag ich es, wenn mir Dinge fehlen. Wenn mir nichts fehlen würde, würde ich das Vermissen vermissen. Und der Krisenkalender ist eine richtig tolle Sache zum vermissen. Da ich nur gute Erinnerungen an ihn habe.

Dazu, liebe Susanne, hast Du sehr wesentlich beigetragen.

Und dafür möchte ich auch Dir von Herzen danken.

Es ging hier: „In 80 Tagen um die Welt zuhause“.

Ich habe mich sehr heimisch gefühlt.

Horst

3 Antworten auf „#80 In 80 Tagen um die Welt zuhause“

  1. „Abschiedsworte müssen kurz sein wie Liebeserklärungen“ hat Theodor Fontane einmal geschrieben. Was es zu eurem Krisenkalender nun noch zu sagen gäbe wäre beides: Dank zum Abschied und eine Liebeserklärung aus dem „Land des Sonderweges“.
    Passend zur letzten Bahn-Anekdote habe ich heute Bahnfahrkarten nach Deutschland gebucht. Vielleicht wird ja jetzt doch am Ende alles gut, um die alte Berliner Weisheit erneut zu bemühen: „Am Ende wird allt jut und wenn’s doch nich jut wird, is es halt noch nich dit Ende.“

    Tack so helst mycket!
    Lars

    1. Liebe Susanne, lieber Horst,

      gut war an dieser Zeit euer Blog. Schlecht ist, dass er nun zu Ende ist.
      Lustig war, hier ab und zu etwas von meinem Nachbarn Lars zu lesen.
      Seltsam ist, dass wir jetzt in einem Café in Stockholm sitzen, als gäbe es kein Corona.
      Bleibt gesund und munter.
      Ha det bra
      Oliver

  2. Liebe Susanne, lieber Horst,
    die tägliche Lektüre eures Postfaches war ein wunderbarer Lichtblick, ich habe viele überraschend schöne, neue und witzige Dinge von und über Euch erfahren 🙂
    Solltet ihr das Ganze als Buch veröffentlichen, werde ich es kaufen – versprochen!
    Aufmunternd-herzliche Grüße von Reinhard samt Familie!

Schreibe einen Kommentar zu Oliver Stenschke Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.