#76 Unterwegs in der sterilen Gesellschaft

Liebe Susanne,

Ja es stimmt, die „neue Normalität“ nimmt langsam Formen an.

Ich zum Beispiel schreibe diesen Brief aus dem ICE nach München. Es ist lange her, daß ich was in der Bahn geschrieben habe. Es war der erste Beitrag für den Krisenkalender am 17. März.

Damals schrieb ich:
„Am Wochenende in Leipzig bin ich noch auf einen Zug gehastet. Ich hab ihn gerade so geschafft. Also eigentlich, denn als ich am Bahnhof ankam, musste ich feststellen, daß er ersatzlos gestrichen war. Habe deshalb einen Bahnmitarbeiter gefragt: 

„Oje, ist das wegen Corona?“

Er hat mich sehr freundlich und traurig angesehen, um dann emotionslos zu antworten.

„Nein, nein, das ist einfach ganz normal wegen Bahn.“

Seitdem ist viel passiert. Nun, da ich zurück im ICE bin, muss ich feststellen:

 Er fährt. Er ist pünktlich. Er ist extrem sauber und fast leer. 

Vielleicht ist ja doch was dran an der These, daß sich alle Probleme der Bahn von allein lösen würden, wenn man nur auf die Fahrgäste verzichten täte.

Dies ist nun allerdings auch der erste Text, den ich mit Mund- und Nasenschutz schreibe. Ich habe fünf verschiedene Masken mitgenommen, um nach und nach herauszufinden, mit welcher man am Besten schreiben kann. Nach nur einer Stunde Fahrt glaube ich schon ein recht belastbares Ergebnis ermittelt zu haben:

Mit keiner.

Verändert es die Geschichten, wenn man sie mit Atemschutz schreibt? Werden sie hygienischer? Klinischer? Kurzatmiger? Schlechtgelaunter? Müder? Neurotischer? Alles?

Die sterile Gesellschaft. Das haben wir nun bekommen. Was wird das mit den Menschen machen?

Als Bauernhofkind, dem zur Sauberkeit ein eher pragmatisches Verhältnis anerzogen wurde, waren mir die Putz- und Ordnungsliebhaber immer eher suspekt. 

Offen gestanden habe ich ihren Reinlichkeitswahn stets mehr für eine Marotte, wenn nicht gar eine Verhaltensstörung gehalten. Nun jedoch triumphieren sie. 

Täglich beobachte ich, wie sie aufblühen und die sterile Gesellschaft geniessen oder verlangen. Die Aggressivität mit der dies zeitweise geschieht, verunsichert mich.

Mir ist klar, daß vieles von dem, was ich in der Schule gelernt habe, nicht mehr aktuell ist. Oft erfahre ich das erst mit jahrelanger Verzögerung und denke solange weiter den Unsinn aus meiner Kindheit.

 Gilt dies auch für die Annahme, daß eine keimfreie Gesellschaft immer weniger widerstandsfähig gegen Alltagskeime wird? Habe ich, wie so oft, wieder einfach nur was verpasst?

Ich schreibe dies tatsächlich alles nur, weil gerade wirklich ein Fahrgast durch den Zug spaziert und alle anderen Reisenden unterrichtet, wie sie ihre Maske richtig zu tragen haben. 

Einerseits bin ich ein wenig irritierend stolz, daß er bei mir nichts zu beanstanden hatte. Andererseits macht mich die Rigorosität, mit der er andere anherrscht, ratlos.

 Gott sei Dank sind so wenige unterwegs. Da war er nicht sehr lange in unserem Waggon. Dennoch reichte es für zwei massive Wortgefechte. Ich sag mal: Im mittleren Westen der USA wäre jetzt mindestens einer tot.

Auf dem Rückweg beließ er es bei einem fatalistischen „Immernoch verkehrt!“ gegen die, die es immernoch verkehrt machten. Ich bekam ein freundliches Lächeln mit den Augen und erwischte mich dabei, wie ich mich darüber freute. 

Mehr noch, wie ich dachte: „Wieso können es die Anderen nicht auch einfach richtig machen. Die sehen doch, daß er kommt. So schwer ist es ja nun wirklich nicht.“

Womit ich ja nun andrerseits auch wieder recht habe.

Nun gut. Zur Frage, wie Texte mit Maske werden, kann ich fürs Erste schonmal sagen:

Länger

…und mürrischer wohl auch. Wenn ich demnächst wieder häufiger im Zug sitze, werde ich mir da vermutlich was überlegen müssen. Doch jetzt lasse ich das erstmal so stehen. Als Zeitzeugnis quasi.

Fahrende Grüße sendet Dir

Horst

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