#75 Und, hat’s mir geschadet?

Lieber Horst,

„Guck mal, ein Flugzeug!“ hörte ich mich gestern allen Ernstes sagen, als sich ein dicker Kondensstreifen über den strahlend blauen Berliner Himmel hermachte. Ich glaube, diesen Satz habe ich das letzte Mal gesagt, als Karl-Heinz Rummenigge noch aktiv Fußball spielte und meine Lieblingsblumen Prilblümchen waren. Da waren Kondensstreifen am Himmel noch was Besonderes.
Dass sie das im Jahre 2020 nochmal sein würden, hätten wir vor wenigen Monaten auch nicht gedacht.

Aber nun, es gibt keinen Zweifel – vieles deutet darauf hin, dass das Leben da draußen wieder Fahrt aufnimmt. Bei Dir auch, Horst?
Bei mir plätschern tatsächlich gerade die ersten zarten Anfragen herein, für eine Open Air Lesung zum Beispiel. Kleine feine Rinnsale von Normalität in der ausgetrockneten Kulturlandschaft. Endlich!
Nun bleibt zu hoffen, dass die Infektionszahlen im Rahmen bleiben. Denn nicht nur am Himmel ist ja wieder mehr los, auch in den Straßen: ganz schön viele Leute ganz schön dichte beieinander.
Ich dachte, die sind gerade alle an der Ostsee?!

Ich gestehe, auch ich wäre gerne dort, da liege ich ausnahmsweise mal voll im Trend. Nur zwei Tage, irgendwo, Hauptsache Meer… Aber rund um Pfingsten war da einfach nichts zu machen. Und ich habe wirklich so einiges in Betracht gezogen. Auch habe ich mich bei einer weiteren Plattform für Ferienwohnungen und Zimmer registriert, die mir nach meiner Buchungsanfrage eine fröhliche Mail schickte mit dem Wortlaut „Vor Abschluss einer Buchung müssen wir sichergehen, dass Du wirklich Du bist!“  Den Satz habe ich ein paar Mal gelesen. Und ich muss sagen, ich finde diese Frage total berechtigt, ich frage mich das selber sehr oft.

Die Beschreibungen der Unterkünfte aufmerksam zu studieren, lohnt sich in jedem Fall. Manche Vermieter listen da ja seitenweise werbewirksame Details auf, vom Whirlpool bis zur Fußbodenheizung. Besonders schön fand ich deshalb folgende Beschreibung einer Ferienwohnung in Wismar,
„Highlights der Unterkunft: Parkplatz.“
Fertig.
Bei einer anderen stand ungelogen
„Unterhaltung: Cassettenrekorder“ und
„Naturattraktionen: Herbstlaub“.

Sogar die haben dann aber abgesagt, weil sie bei dem derzeitigen Touristenansturm gar nicht hinterherkämen. Sei es drum.
Dabei wäre ich da aus reiner Neugier schon gerne hingefahren. Und aus purer Freude an der Nostalgie. Sicher hätte ich dort irgendwo ein altes Hanutasammelbildchen am Eichenfurnier gefunden, Auf der Fensterbank einen Ascher, im Küchenschrank einen Eierpieker aus Plastik und im Badezimmer Haken mit der Aufschrift Er, Sie und Gäste.
Es hätte mich an die Zeiten erinnert, als die Tanten und Großmütter sich auf dem Sofa im elterlichen Wohnzimmer einen Eierlikör genehmigten, während die Herren den Himbeergeist aus dem Schrank holten und wir Kinder unter dem Tisch saßen und die Weinbrandbohnen aufaßen…
„Und, hat´s mir geschadet?“ würde Cousin Rainer an dieser Stelle poltern. Und dann würde man ihn vielleicht ansehen und denken „Äh, naja…“ – und deshalb lieber gar nichts sagen.

Apropos.
Wußtest Du, dass ich beim Thema Pfingsten lange Zeit immer genau diese Wohnzimmer-Szenerie, insbesondere meine Onkel und den besagten Himbeergeist vor Augen hatte? Im Religionsunterricht hatte Fräulein Otterstedt das zwar alles genau erklärt.
Aber dass es sich bei der Ausgießung des Heiligen Geistes um eine Metapher handelt, habe ich trotzdem erst sehr, sehr viel später verstanden…

Frohe Pfingsten!

Susanne

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