#59 …und es hat Zoom gemacht

Lieber Horst,

14. Mai – der Namenstag der Heiligen Corona. 
Was es nicht alles gibt.
Man erbittet von ihr traditionell „Beistand und Schutz bei Hagel und Viehseuchen“, habe ich gerade gelesen, das klingt ja erstmal nicht verkehrt, da kann man seinen Aluhut ja mal in den Ring werfen.

Nach Deinem gestrigen Brief habe ich noch den ganzen Tag Malediva vor mich hingeträllert, hach, das war schön. Also für mich war das schön, für meine Familie, naja.  Und dieser wirklich zauberhafte Reim, an den Du Dich noch erinnern konntest, hat mir dann wiederum ins Gedächtnis gerufen, wie der Mann und ich vor ein paar Wochen mal auf dem Balkon gesessen und gedichtet haben. Ich weiß auch nicht, was da los war. Jedenfalls – an leisen Abenden mit leeren Straßen, wie wir sie nun öfter haben, kann man manchmal in der Ferne die S-Bahn hören. Eines Nachts hupte diese aus unerfindlichen Gründen, da haben wir uns so unsere Gedanken gemacht. Heraus kam dabei (Achtung, räusper)

Am Bahndamm sitzen Rassekröten
Und hören nicht die krassen Tröten 
Weshalb sie jetzt die Trasse röten.

Großes Kino, oder? Ich gestehe, es war Gin im Spiel. 

Doch zu etwas völlig anderem.
Mein Ohrwurm des heutigen Tages ist zur Abwechslung mal von Klaus Lage:  „…und es hat Zoom gemacht!“
Zoom
, Horst.
Diese unumschiffbare Geißel der Homeoffice-Debütanten.
Alle zoomen.
Heute Abend habe auch ich wieder eine Zoom-Konferenz, hurra.

Von Vorteil ist immerhin, dass der Bildausschnitt der Videos in der Regel nicht viel mehr zeigt als Kopf und Oberkörper des Teilnehmenden. Das ist mir in Anbetracht der bereits besungenen Folgen des Bewegungsmangels sehr angenehm und ermöglicht businessmäßiges Auftreten trotz Homealone-Hose.  
(Als ich mich vor einigen Jahren mal für ein Vorstellungsgespräch aufgebrezelt hatte und kritisch in den Spiegel schaute, sagte mein Sohn: „Mach Dir keine Sorgen, Mum, Du siehst voll aus wie ne Professionelle!“ … Aber das ist eine andere Geschichte.)

Immer wieder interessant ist ja auch der Einblick, den man beim Zoomen in die Alltagsumgebung des einen und der anderen bekommt. Dieses kleine bißchen Hintergrund, das lenkt mich immer total ab. Welche Bücher hat wer im Bücherregal, ist das ein Plattenspieler dort hinten, was steht da für ein Spruch auf dem Kaffeebecher?
Fabienne sagt, sie legt jetzt immer wie zufällig eine Yogamatte in den Hintergrund, wenn sie zoomt. „Dann denken die Leute: Was ne coole Socke.  Wer ne Yogamatte hat, denken die dann – der hat auch ne Obstschale!“
Ich glaube, von Fabienne kann ich noch eine Menge lernen. 

Ach ja, und André hatte neulich eine riesige Blumenvase direkt neben sich auf dem Tisch stehen, als wir privat miteinander zoomten, das fand ich etwas seltsam. Das sei noch das Überbleibsel aus der letzten Video-Konferenz mit seiner Chefin, sagte er etwas zerknirscht. Der Vorabend sei ihm etwas entglitten, und er war um 8 Uhr morgens noch im Niemandsland zwischen noch hackedicht und schon schlimm verkatert, konnte diesen sehr wichtigen Gesprächstermin aber auf gar keinen Fall absagen. 
Die Blumenvase war seine Absicherung für den Fall, dass er sich spontan hätte übergeben müssen. 

Womit wieder bewiesen wäre, dass auch hinter den profanen Dingen zuweilen die erstaunlichsten Geschichten lauern. 

Und Du so, Horst? Welche Geschichten lauern in Deinem Hintergrund? 

Neugierige Grüße von

Susanne

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